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Kennt Ihr das Projekt „Starke Frauen“ noch nicht? Dann könnt Ihr Euch hier das Einführungsvideo (5 Minuten) ansehen oder es lesen.

(Hinweis: Wer das Videointerview mit Treya schon gesehen hat, liest bitte direkt an der Stelle weiter, wo der Text wieder schwarz wird. Die grünen Zeilen sind eine Abschrift des Video-Interviews für alle, die lieber lesen als gucken 😉)

Liebe Zuschauer und Zuschauerinnen, ich bin heute in einer neuen Folge der Gespräche über starke Frauen online verbunden mit Treya-Silke Koch, die ich seit meiner integralen Ausbildung bei ihr, 2018, in meinem Herzen trage. Treya ist Entwicklungsbegleiterin für Menschen und Organisationen und seit vielen Jahren Ausbilderin für systemisch-integrale Coaches, für Aufstellungsleiter und Entwicklungsbegleiter. (www.treya.online) Treyas Arbeit steht dafür, dass wir die beruflichen und privaten Rollen in unserem Leben ganz bewusst gestalten und leben können. Sie arbeitet nicht nur, aber viel, mit Frauen, hat einen Blog „freiFrausein“ und bietet auch Workshops für Frauen an, zum Beispiel „Ich stehe meine Frau“. Es ist ein Aspekt ihrer Arbeit, Frauen die radikale Erlaubnis zu geben, mit einem positiven „So bin ich“ die Welt ganz aktiv zu gestalten. Dieses „So bin ich“ ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt für eine starke Frau und damit bin ich bei meiner ersten Frage an Treya – Wie ist das für dich, was ist für dich eine starke Frau?

Treya: Eine starke Frau – du hast mir eigentlich schon die Vorlage gegeben – ist für mich eine Frau, der es gelingt, ihr So-Sein in die Welt zu bringen, der es gelingt, sich von all diesen angeblichen Idealbildern, wie wir Frauen zu sein haben, zu lösen und ihre eigene Wahrhaftigkeit zu finden und zu leben.

Andrea: Wie kommen wir dahin?

Treya: (lacht herzlich) Ich glaube, dass das eine Riesenaufgabe ist, wir haben jede Menge zu verlernen, was wir glauben, dass das so ist, so sein muss. Die ganzen Normalitäten, die von Menschenhand definierten Normen (die meistens wenig mit Natürlichkeit zu tun haben), die können wir radikal in Frage stellen, um das zu verlernen, was für uns nicht stimmt. Und dann können wir uns die Erlaubnis geben unser „So-Sein“, unser „So ist es“ zu leben.

Andrea: Du schreibst auf deiner Webseite davon, die „verknurpselte“ Lebendigkeit zu befreien. Ich finde das eine wunderschöne Formulierung. Ist es das? Müssen wir Frauen unsere „verknurpselte“ Lebendigkeit befreien?

Treya: Ich glaube schon. Bei mir zum Beispiel fing das schon ganz früh an. Man hatte ein Idealbild davon, wie ich als Mädchen sein soll und so etwas spürst du ja als kleines Mädchen! Deine Eltern, deine Großeltern haben eine Idealvorstellung von dir und dann fängst du an, alles, was dieser Vorstellung nicht zu entsprechen scheint, irgendwo zu verstecken und im schlimmsten Fall in dir einzufrieren, zu verknurpseln.

Andrea: Für mich scheint es, wenn ich auf deine Arbeit mit Frauen schaue, auch darum zu gehen, ganz radikal den Schritt aus einem Opfererleben zu tun, aus diesem „Die anderen sind schuld“ und stattdessen aktiv mitzugestalten und aktiv zu schauen – ich bin verantwortlich für mein Erleben. Und das ist dann auch der Schritt, der mich dahinbringt, wo ich fast schon lustvoll meine eigene Persönlichkeit entdecke, oder? Und wenn dieser Schritt unterbleibt, also der vom Opfererleben in das aktive „So bin ich“, dann bringt mich doch auch der 530. Achtsamkeitskurs wieder nur zu der Feststellung „Mein Mann ist nicht achtsam genug“, oder?

Treya: Ja, da sprichst du etwas an, was bei mir immer ein innerliches „Autsch“ auslöst, je nachdem, was ich so sehe in dieser ganzen Bewegung rund um Frauen, die sich jetzt selbst ermächtigen sollen. Zur Selbstermächtigung gilt es halt verschiedene Elemente zu berücksichtigen und ja, ein Aspekt davon ist, dass ich wieder aktiv werde. Da gilt es zu schauen: Was bedeutet Aktivität, wie fülle ich die? Viele Frauen sagen dann so etwas wie: „Der böse Mann und das Patriarchat – die sind schuld! Und jetzt stehe ich auf und zeig´s denen so richtig.“ Da vergessen wir etwas Wichtiges. Ja, wir haben viel erlitten, viel erduldet, als Frauen und gleichzeitig haben wir aber auch jahrelang dieses Spiel schön mitgespielt, wir sind ja nicht unschuldig. Und jetzt aufzustehen, den Feind nach außen zu projizieren, ihn mal Mann zu nennen und auf ihm rumzuhacken, das bedeutet, es nicht anders zu machen. Das ist für mich kein wirklicher Musterbruch, es werden nur Opfer und Täter gewechselt. Also – wie gelingt es, eine neue Form des Miteinanders in der Kultur zu prägen? Und da fange ich erst mal in meiner eigenen, innerlichen Kultur an: Wie geht „aufstehen“ für mich, ohne dass ich gegen einen angeblichen Feind im Außen kämpfen muss? Sonst projiziere ich meine Macht schon wieder weg. Und dann kann ich irgendwann gucken: Wie gelingt es denn miteinander? Und da dürfen wir auch mal bei uns Frauen untereinander schauen – wie geht starkes Frausein, ohne dass ich meine, ich müsste auf meinen Mitschwestern (so nenne ich sie mal) rumhacken, stutenbissig agieren und der anderen das Schwarze unterm Nagel nicht gönnen? Wir haben so viel zu tun, uns selbst zu ermächtigen, wir brauchen nicht noch da draußen irgendjemanden als Konkurrent oder Feind zu definieren.

Andrea: Stärke ist Macht ohne Kampf? Als starke Frau kämpfe ich nicht, sondern, so wie ich es gerade herausgehört habe, ermächtige mich selbst. Und du sprachst davon zu schauen, wie das Miteinander gelingt. Viel zu tun also für Frauen. Das bringt mich zu der Frage – Warum brauchen wir starke Frauen und vor allem wo?

Treya: Wenn ich mit dem Gedanken der Polarität auf diese Frage schaue – also wirklich vom Ursprung, der Quelle – dann entsteht dort auch die Polarität des Männlichen und des Weiblichen. Es sind zwei Seiten einer Medaille und die eine Seite ist nichts ohne die andere Seite. In den letzten Jahrhunderten haben wir eine Seite der Medaille überbetont. Wir haben getan, als ob diese Seite mehr wert sei als die andere. Und die Resultate sehen wir gerade an allen Ecken – diese Welt ist sehr, sehr von dem geprägt, was man männliche Qualität nennen kann. Diese Qualität schreibe ich gar nicht den Männern alleine zu, Frauen tragen mit ihrer archaischen Kraft, die viele sogenannte „männliche“ Label oder Etiketten trägt, genauso dazu bei, das diese Welt so ist, wie sie gerade ist. Ich glaube daher, dass die Welt nicht nur Frauen braucht, die sich selbst ermächtigen, die sich in ihrem weiblichen Körper als Frau definieren oder in ihrem Körper, wie immer er gebaut ist, als Frau empfinden, diese Qualität leben. Es braucht in Summe mehr dieser anderen, weiblichen Seite der Medaille in der Welt. Dazu gehört auch, dass Männer ihre sensitive Seite auf männliche Art – nicht als Kopie von Frauen – beginnen zu leben. Wir benötigen mehr dieser anderen Qualität in der Welt, damit es wieder eine Balance gibt, damit es sich fügen darf, damit es ganzer wird.

Andrea: Das fühlt sich schön an: Starke Frauen arbeiten daran, dass die Welt ganz wird.

Andrea: Ich habe, liebe Treya, im Video gerade ab und zu das Gefühl gehabt, dass mir die Worte fehlen, aber auf eine gute Art.

Treya: Ich mag diese Momente, wo genau das passiert, weil du dann näher an deiner Quelle bist und mal reinspüren kannst: Was will wirklich gesprochen oder gefragt werden.

Andrea: Ja, manchmal lohnt es sich dranzubleiben, auch wenn man meint, sofort zu wissen, wie etwas ist, wie sich etwas anfühlt. Irgendwann komme ich an einen Punkt, wo es tiefer geht, wo ich dann sagen kann: Da ist was, ich weiß gerade nicht, was es ist, aber es scheint so, als ob es sich lohnen würde, genauer draufzuschauen. Als ob ich am Kopf vorbei andere Quellen anzapfe.

Treya: Ja, genau.

Andrea: Und dieses Vorgehen könnte ja letztlich ein Synonym dafür sein, wie wir an unser „So bin ich“ kommen? Wir begnügen uns nicht mit irgendwas Bekanntem, sondern bleiben so lange dran, bis wir an einem Punkt sind, wo wir sagen können: Hey, jetzt weiß ich mal nicht mehr weiter, jetzt weiß ich mal nicht mehr, was das ist.

Treya: Das was du gerade beschreibst ist ein wesentlicher Bestandteil von wirklichem Musterbruch, ein wirklich spannender Moment. Ich stoße auf etwas, von dem ich sage: Ich bin das nicht! Aber gleichzeitig bin ich es in dem Moment noch. Und wenn Menschen dann versuchen, dieses Muster zu brechen, dann neigen leider viele dazu, das bisher Analysierte zu nehmen und ab dato genau das Gegenteil zu machen. Oder sie richten sich gegen den, der ihrer Meinung nach Schuld ist, das sie dieses Muster so leben. Aber genau das ist kein Musterbruch, ich bediene weiterhin die gleichen Muster, nur mit verkehrten Vorzeichen. Ein Musterbruch wäre es, das Muster zu nehmen und zu schauen: Was denn stattdessen? Wo finde ich etwas in mir, was stattdessen in die Welt will? Was fühlt sich stimmig an und wie kann ich das umsetzen? Oder du siehst vielleicht, wie es jemand anders macht, probierst es aus und merkst – „Nein, fühlt sich auch nicht richtig an.“ Und DANN merkst du – hey, wenn ich´s wirklich richtig machen will (also – „richtig“ im Sinne von authentisch) dann nur, wenn ich meinen eigenen Stil finde. Und dieses Finden, das ist ein Prozess, der sich in der Rückbetrachtung oft als Bewusstwerden darstellt. Erst mal kommt vielleicht ein rebellischer Impuls mit der Faust in der Tasche, das Pendel knallt vielleicht auf die andere Seite – ich mache etwas radikal anders und dann pendelt es sich vielleicht langsam ein, und etwas Neues, Authentisches kann entstehen – mein „So-bin-ich“.

Andrea: Wenn frau anfängt, sich mit ihren Mustern und Bedürfnissen zu beschäftigen, wird sie erst mal zur Rebellin, das kenne ich. Und irgendwann pendelt es sich wieder ein.

Treya: Ich sprach letztens mit einer Kollegin darüber, dass wir beide das Gefühl haben, von einer Art innerer Aufrichtung sprechen zu wollen. Es ist nicht dieses rebellische „Jetzt richten wir uns aber endlich auf.“ Es ist eher das Spüren einer Struktur, die beginnt, uns aufzurichten, eine natürliche Form von Stärke.

Andrea: Eine natürliche Form der Aufrichtung – das erinnert mich an Farn, an entrollendes Wachstum oder auch an die natürliche Ausrichtung einer Blüte zur Sonne – das hat ja auch nichts Rebellisches.

Treya: Genau, eher etwas sehr Friedliches, dem natürlichen Prozess Vertrauendes, und ich glaube, dass wir daran merken, wenn es anfängt, sich richtig einzupendeln. Wir machen nicht mehr irgendwas, sondern beginnen, uns aus unserer Innerlichkeit heraus aufzurichten.

Andrea: Dazu sollten wir erst einmal ins Fühlen kommen und so einen Prozess zulassen können? Ich denke bei dieser Frage explizit auch an Leser:innen, die noch nicht viel mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun hatten, und denen das gerade vielleicht „too much“ wird, was wir beide hier von uns geben.

Treya: Es ist letztlich vollkommen egal, wo die Frau in ihrer Entwicklung steht, von wo aus sie den Zugang sucht. Sie kann beschließen: Ich mache mir mein Leben, wie ich es gerade lebe, bewusst und fange an, das zu ändern. Und dann ist es völlig egal, was „bewusst“ für sie heißt – ob sie über das Denken geht oder übers Fühlen oder über Körperimpulse, Körpertherapie. Das finde ich das Schöne am Weg zum „So bin ich“. Du brauchst nichts – du startest, wo du gerade bist. Viele Frauen denken allerdings, sie müssten ganz viel tun, ganz viel getan haben, um ihren Weg finden und gehen zu können.

Andrea: Das halte ich für einen ganz wichtigen Aspekt. Ich merke bei vielen Frauen so eine „Niemand-muss-mir-die-Welt-erklären“-Autonomie, die in einer Blockade von zum Beispiel Seminaren, Coachings oder Gruppenarbeit resultiert. Es ist, als ob die hart erkämpfte Autonomie nicht wieder in eine Abhängigkeit rutschen soll, eine Abhängigkeit von jemand anderem, der die Welt erklärt. Ich glaube, dass da die Einladung helfen könnte: Du selbst kannst anfangen, genau da, wo du jetzt stehst. Das ist eine wunderschöne Einladung, machen wir sie mal konkret: Wie könnte eine Frau anfangen, was sind für dich erste Schritte?

Treya: Die meisten Frauen, die zu mir kommen, haben in ihrem Sein das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und dass es immer mehr Kraft benötigt, dieses „es-stimmt-was-nicht“ zu leben. Sie spüren, dass sie sich selbst darüber verlieren, und sie wollen sich selbst zurück.

Andrea: Das sind die, die zu dir kommen. Und wenn frau jetzt sagt: „Will alleine!“ Kann sie das schaffen? Kann ich alleine mein Bewusstsein, meine Bewusstheit entwickeln, geht das überhaupt?

Treya: Es geht insofern (nur) alleine, als dass ich – und nur ich – die oben erwähnte Entscheidung treffe: Ich mache mir mein Leben jetzt bewusst und beginne es zu ändern. Aber der Prozess, den schaffe ich nicht allein. Das ist ein Stück weit bittere Erkenntnis auch für mich selbst (lacht). Ich bin immer mit dem Ansatz an meine Entwicklung gegangen, niemanden zu brauchen. Klar, ich wollte die Bücher nutzen und viele Ausbildungen machen, aber meinen Weg, den wollte ich vollkommen autonom gehen, für mich selbst. Aber diese Art von Arbeit machst du nicht allein, es geht gar nicht. Wir sind Beziehungswesen und wir ergänzen uns, spiegeln uns. Wenn du auf dich gestellt durch deinen eigenen Sumpf läufst, durch dein eigenes Labyrinth, dann siehst du den Ausgang nicht, du brauchst jemanden, der den Raum hält und mit dir präsent ist, weil er oder sie von außen draufguckt.

Andrea: Trotzdem bleiben wir autonom im Prozess.

Treya: Genau. Egal wo frau nach Antwort sucht, egal wo frau hingeht, um sich zu ergänzen, es ist wichtig, dass sie kommen und gehen darf und dass sie mitnehmen darf, was sie für sich als stimmig empfindet. Und alles andere lässt sie da. Und – sie sollte niemals versuchen, einem Ideal einer „starken Frau“ nachzueifern. Denn dann geht es ja schon wieder los mit den Mustern – Frauen grabschen sich in Frauenseminaren irgendwelche Idealbilder oder Archetypen raus und sind dann enttäuscht, weil es ihnen nicht gelingt, diesen zu entsprechen. Letztens sagte mir eine Frau, sie käme in ihrem Frauenkreis nicht weiter, sie täte ja ihr Bestes, aber sie sei zu männlich. Wie bitte? Nur weil eine einzigartige Frau viel archaische Energie in sich vereint, wird ihr suggeriert, sie sei nicht Frau genug, weil sie vielleicht nicht diese Sanftheit des Weiblichen im ausreichenden Maß lebt? In solchen Momenten ist es schön zu sehen, was passiert, wenn so eine Frau sich plötzlich aufrichtet, in ihrer Natürlichkeit, weil sie sich endlich die Erlaubnis gibt: Du darfst archaisch sein. Guck dir doch mal den Archetyp der Schildmaid an – sie SIND archaisch und im nächsten Moment anschmiegsam, aber sie entscheiden, wann sie was sind.

Andrea: Ich entscheide mein „So bin ich“ also immer wieder neu. Überfordere ich damit nicht mein Umfeld total?

Treya: (lacht) Jow! So what? Klar, ich breche ja Muster, ich breche das, was Kultur als Norm definiert. Ich werde irritieren, wenn nicht, dann mache ich etwas verkehrt. Jede Veränderung erzeugt Irritation im Umfeld, genau das ist Musterbruch. Wir werden irritieren und wir werden Gegenwind kriegen, von denen, die es gerne so hätten wie früher. Und wir werden Beifall bekommen an etlichen Ecken, Unterstützung von denen, die mit auf dem Weg sind.

Andrea: Du hast gerade gesagt, dass Frauen den archaischen Anteil – ich sage jetzt mal „Macht“ dazu – leben, ohne zu kämpfen, weder gegen das Feindbild „Mann“ noch im Sinne einer Stutenbissigkeit gegen ihre Mitschwestern. Was ich aus dieser Formulierung wahrnehme, ist stattdessen ein verbindendes Element als Essenz der Weiblichkeit?

Treya: Es gibt da in Bezug auf Verbindung, Verbundenheit einen Kipppunkt, den ich spannend finde. Wir Frauen neigen dazu, aus einem missverstandenen Verbundensein heraus immer den Fokus nach außen zu haben, auf die anderen, auf den anderen. Wir glauben, diese Art der Verbindung zu brauchen, um uns geliebt, genährt zu fühlen. Ich erlebe es in Frauengruppen so häufig – wir richten kurz den Fokus nach innen, zur „homebase“ und sofort sagt eine: „Ja, aber, wie ist das denn bei den Männern, wie machen die das?“ STOP. Um die kannst du dich immer noch kümmern. Bleib bei dir. Ich glaube, wir Frauen müssen uns noch viel mehr an einem wesentlichen Grundprinzip orientieren: Erst ich, dann du, dann wir.

Andrea: Das finde ich superspannend. Ich habe gestern mit einer Interviewpartnerin über den Dreiklang von Abhängigkeit, Autonomie und Verbundenheit gesprochen und dass die Autonomie als Schritt auf dem Weg zur Verbundenheit essenziell ist –also, wie du es sagst: erst ich, dann du, dann wir. Ich glaube, dass wir oft die Ebenen verwechseln und uns aus der Abhängigkeit eine Verbundenheit stricken. Wir vergessen die Autonomie, dieses Ich-steh-erstmal-für-mich, auf dem Weg, aber dann wird Verbundenheit zum Sumpf, in dem man sich im Außen verliert.

Treya: Wenn ich dir zuhöre, finde ich viel davon in dem sich verändernden Lernparameter des Entwicklungsstufenmodells STAGES, das ich oft mit meinen Klientinnen anwende. Der Lernstil/Lernprozess ist einer von drei Parametern innerhalb dieses Modells, er wächst in bestimmter Art und Weise mit und wiederholt sich in der Reihenfolge „rezeptiv, aktiv, reziprok, interpenetrativ“. Es ist ein sehr wichtiger Parameter, denn er ist der Motor der Entwicklung. Egal, ob ich mit einem Lernstoff, mit einem anderen Wesen oder einer Organisation in Kontakt trete, diese Lernprozess-Parameter werde ich dort überall erkennen und anwenden können. Ich muss erst einmal „rezeptiv“, also voll empfänglich sein für mein Gegenüber oder das, was in mir auftaucht oder für das, was die Welt mir präsentiert. Wenn ich mit all meinen Sinnen empfange, mich berühren lasse, dann kann ich mich aus diesem Berührtsein heraus zeigen. Ich kann beginnen aktiv zu werden, entweder, indem ich mich mit meiner Innerlichkeit zu einem Thema zeige, oder indem ich aktiv beginne mit meinem Lernstoff zu experimentieren. Und mit dieser Aktivität bringe ich wiederum „meins“ in die Welt, mute mich dem/der/den anderen zu. So schaffe ich in einem nächsten Schritt die Voraussetzung dafür, dass die anderen mich überhaupt wahrnehmen und empfangen, von mir und dem was ich sage, zeige oder tue, berührt sein können.

Andrea: Wenn ich diese beiden Prozessschritte getan habe, den rezeptiven und den aktiven, dann war ich empfänglich, habe mich berühren lassen?

Treya: Genau, ich habe das, was ich empfangen habe, in mir bewegt und bin damit aktiv geworden, habe mich dir echt und nahbar, authentisch gezeigt. Wenn du dann nicht empfänglich für das bist, was ich dir anbiete, wenn – wie ich es gern formuliere – deine Scheune zu ist, dann wird (trotzdem) nichts ankommen, nichts passieren. Egal wie wertvoll meine Ernte ist, die vor deiner Scheune wartet, sie bleibt draußen stehen. Bist du aber empfänglich für „meins“, lässt dich berühren und bewegst das, was du empfangen hast in dir, spürst bewusst nach was das in dir an Denken, Fühlen und Impulsen auslöst, dann wirst wiederum du mit dem durch den tiefen Kontakt der Berührung angereicherten Wissen und Erleben aktiv. So entsteht Reziprozität (Wechselbezüglichkeit, ein sich miteinander/ aufeinander beziehen): „Ach, spannend, jetzt wo du das gesagt hast, merke ich, dass ich diesen Aspekt zu meiner Meinung ergänzen möchte.“ So befruchtet sich ein Lern- oder Verstehensprozess gegenseitig und ich kann dann schauen – mache ich das Ergebnis zu meinem „interpenetrativ“? Diese Interpenetration ist kein aktiv gestalteter Akt, sie ist das wundervolle Resultat, das durch die sich hingebende Natürlichkeit des Prozesses entsteht. Eine Art co-evolutionärer Akt. In Bezug auf etwas neu Erlerntes geht an dieser Stelle das Neue, Ungewohnte in mein natürliches Sein über. Es ist wie verstoffwechselt und integriert. Der Zauber des Miteinanders entsteht in gesunder (nicht symbiotischer) Form über ein Zusammenwirken von Autonomie und Verbundenheit.

Andrea: Für mich ist das, was du da beschreibst, das Prinzip der Co-Kreation und damit ein ganz wichtiger Aspekt, den gerade Frauen in Kommunikation und Zusammenarbeit bringen können.

Treya: Auch da, bei Co-Kreation, gilt wieder das Gleiche – ich brauche mein Standing, Autonomie, bevor ich co-kreiere. Ich sehe so oft, dass Frauen quasi weg-pixeln, dass sie es nicht schaffen, als Frau zu stehen. Ich habe mir mal von einem Kollegen sagen lassen dürfen, dass ich wundervolle Umarmungen gebe, fest auf den Füßen stehend und sich trotzdem halten lassend. Das erlebe er, sagte der Kollege, bei Frauen selten. Das ist die Kunst: Wie kann ich mich halten lassen, mich einer anderen Person oder einer Idee hingeben, ohne dass ich den Zustand aufgebe, in dem ich selbst stehe, in dem ich „ich“ bin.

Andrea: Ich stehe für mich ein, kann mich aber gleichzeitig dem Fluss, dem, was im Moment notwendig ist, hingeben. Wir kommen immer wieder an diesen Punkt des Für-sich-stehens und -einstehens. Ist das der entscheidende Punkt für eine starke Frau?

Treya: Ich glaube ja. Mir kommt gerade noch ein Satz in Erinnerung: „Kontakt findet an der Grenze zwischen ich und du statt.“ Ohne Grenze kein Kontakt. Durch unsere antrainierte Anpassung an Konzepte, Modelle oder an die Bedürfnisse anderer Menschen neigen wir Frauen dazu, fluide zu werden. Wir sind nicht mehr klar erkennbar, keiner erkennt unsere Grenze, an der Kontakt entstehen könnte. Deshalb ist es eines unserer größten Lernfelder, wieder für uns zu stehen, aus einer Natürlichkeit heraus mit unseren Grenzen sichtbar zu werden. Und spürbar.

Andrea: Und dazu gehört – wenn ich das mal Revue passieren lasse – erst mal eine gewisse Konsequenz, den anderen bei sich zu lassen und Verantwortung für mich und mein Sein zu übernehmen, zu verstehen, dass ich mit all meinen Mustern und Antreibern meine Welt gestalte und dass auch nur ich an dieser Welt etwas ändern kann?

Treya: Ahey.

Andrea: ?

Treya: Das sagen wir in Frauenkreisen, wenn eine Frau gesprochen hat und wir die Wahrhaftigkeit darin anerkennen.

Andrea: Oh, danke, das kannte ich noch nicht. Treya, wir haben jetzt viel von Veränderungsprozessen geredet, von Frauen, die sich auf den Weg machen zu sich selbst. Wir sprechen da in eine Zukunft hinein, in ein „wir-werden…“. Was ist deine Vision für diese Zukunft, hast du eine?

Treya: Ja, aber die ist nicht interviewtauglich (lacht). Ich hadere gerade immer wieder mit dem Menschsein. Wieviel von dem, was es vielleicht in einem Möglichkeitenraum gäbe, ist überhaupt mit der aktuellen Art des Menschseins realisierbar? Ich glaube, das Wunschbild, das ich habe, werde ich defacto nicht mehr erleben. Ich sähe Samen und hoffe, dass die Frauen, die nach uns kommen, es leichter haben werden und ich glaube, es wird noch einige Generationen brauchen.

Andrea: Was wäre das Wunschbild?

Treya: Eine Welt, in der Einzigartigkeit als Bereicherung gesehen wird. Eine Welt, in der wir wieder verstehen, dass im Sich-Ergänzen das wahre Potenzial liegt, nicht in der Konkurrenz. Eine Welt, in der wir uns wieder an Natürlichkeit anbinden und Natur auch als Vorbild sehen, weil dort die Fülle zu finden ist. Dann kommen wir weg von dem Mangeldenken, das wir uns ausgedacht haben und können aufhören, uns als falsch zu definieren, wenn da draußen etwas anders läuft als gedacht. Eine Maus, die der Katze geradeso entwischt ist und dabei ein Ohr lässt, setzt sich auch nicht hin und resümiert über ihre Fehler und verzweifelt, weil sie jetzt nicht mehr so schön ist wie die anderen Mäuse.

Andrea: In der Natur gibt es in diesem Sinne keine Perfektion – nur Einzigartigkeit. Genau das macht doch ihre Schönheit aus, oder?

Treya: Ja, und je mehr wir versuchen uns zu normen, desto unnatürlicher, desto kraftloser, desto verknurpselter werden wir.

Andrea: Womit wir wieder beim Verknurpseln sind, der Kreis ist geschlossen. Treya, ich glaube, das war mein erstes Interview, in dem ich fast mehr geredet habe als die Gesprächspartnerin. Total co-kreativ, aber das kenne ich ja von dir, du gibst einen Raum, in dem plötzlich Ideen entstehen und so ist gerade eine ganz andere Art von dialogischem Interview entstanden, was mir sehr gut gefällt. Ich danke dir dafür ganz herzlich.

Kontakt:

Treya-Silke Koch
www.treya.online
https://www.treya.online/blog/freifrausein