Der bedauernswerte Spatz, der mit ziemlicher Wucht gegen das Fenster gedonnert war, blieb erschöpft und benommen auf den Balkonfliesen liegen. Er atmete heftig und schaffte es recht schnell, sich von der Seitenlage auf die Beinchen zu bringen. Dann verharrte er, ganz still und zusammengezogen. „Oh, der Arme, so hilflos!“ – mein Herz floss über. Ich überlegte sofort, was ich tun soll, wie ich helfen kann. Wie kann ich die Situation unter Kontrolle bekommen? Da hüpfte ein zweiter Spatz heran, wild zwitschernd. Wie ungewöhnlich! Ich hatte noch nie erlebt, dass Vögel sich helfen oder die Misere eines Artgenossen überhaupt beachten. Er begann, den kauernden Spatz zu umkreisen und pickte einmal vorsichtig nach ihm, hüpfte dann weiter. Bei der nächsten Annäherung hieb er dann viel heftiger zu – für mich sah es aus, als würde er über seinen Gefährten herfallen. „Oh nein, was macht er denn, er muss ihn in Ruhe lassen, der Kleine muss sich doch erholen!“ – ich griff ein, klatschte fest in die Hände und verscheuchte den frechen Spatz.

Aber auch der verletzte Vogel zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen. Nein, diese Methode fühlte sich nicht richtig an. Da dachte ich erstmalig an das, worüber ich gerade schrieb: Kontrolle und Loslassen. Der freche Spatz kam wieder. Ich beschloss, die Kontrolle aufzugeben. Die Natur ist intelligenter als ich, ich ließ ihr ihren Lauf. Und siehe da. Nochmal mit Karacho gepickt, der kleine Abenteurer richtete sich auf. Ein weiterer heftiger Schnabelhieb, ein Schubs mit dem Flügel. Der Bruchpilot schüttelte sich. Dann ein heftiges Umflattern und Anstupsen durch den Kumpel und beide flogen gemeinsam weg, erst einmal nur auf die Wiese. Dort hielten sie gemeinsam noch eine Weile inne – ohne Picken und Schubsen – um dann gemeinsam ihrer Wege zu fliegen.

Wow. Ich hatte das, was ich vorab theoretisch schrieb, im Schnelldurchlauf praktisch gezeigt bekommen: Das Leben braucht meine Kontrolle nicht, um sich zu enfalten. Ganz im Gegenteil entwickeln sich die Dinge erst dann im eigentlichen und gewünschten Sinn, wenn ich die hektischen Fingerchen schön bei mir halte. Schenkökonom Nipun Mehta sagte in seinem Interview für den aktuell (März 23) laufenden Summit der Pioneers of Change etwas ganz Wunderbares:

Relax. Nothing is under control.

Ja, genau. Da muss „man“ erst schlucken und dann nochmal hinschauen. Diese Aussage passt nicht zu unserer Weltsicht – entspannen können wir erst, wenn alles unter Kontrolle ist. So haben wir es gelernt und so handeln wir im Großen wie im Kleinen. Wir versuchen, so viel wie möglich zu überwachen, zu planen, zu checken oder abzusichern – im alltäglichen Tun ebenso wie in der sogenannten Zukunftsvorsorge durch Versicherungen, Rente oder das eigene Haus. Jedes Tun braucht einen Zweck, jedes Projekt ein Ziel, Erfolg ist immer davon abhängig, dass wir die gestellten Erwartungen erfüllen.

Ich beobachte immer wieder mit Erstaunen, wie gerne ich alles im Griff haben möchte – meinen Tagesablauf ebenso wie meinen Partner oder das Gespräch, welches ich gerade führe. Situationen, die unerwartet sind, die ich nicht beherrschen kann, stören mich. Ich empfinde sie – je nach dem Gewicht, das ich ihnen gebe – als wahlweise nervig oder schlimmstenfalls existenzbedrohend. To-do-Listen, Pläne, Ziele, Absprachen und Erwartungen. Urteile, Bewertungen, Richtig und Falsch – all das entsteht aus dem Wunsch, sich am Kontrollpult des Lebens und damit in Sicherheit zu befinden.

Und – funktioniert es? Mal ganz ehrlich – hast du alles im Griff? Alles unter Kontrolle?
Wahrscheinlich nicht. (Ich korrigiere: Gewiss nicht.)

Könnte es vielleicht sein, dass der Wunsch nach Kontrolle nicht Entspannung, sondern das genaue Gegenteil auslöst? Könnte es vielleicht sein, dass wir uns aufreiben im Versuch etwas völlig Unmögliches zu erreichen – weil wir das Leben nicht kontrollieren können? Wir haben´s einfach nicht im Griff – aber so was von überhaupt nicht! Menschen sterben – einfach so. Unfälle passieren – einen Tag, bevor wir in Urlaub wollten. Ein Anruf verändert deinen Tagesablauf oder vielleicht sogar dein Leben. Eine einzige Begegnung kann meine Sicht auf die Welt durcheinanderbringen und mir völlig neue Perspektiven eröffnen. Wenn ich es zulasse. Wenn ich mich einlasse. Dann läge vielleicht in genau dieser Einsicht die völlige Entspannung – wir haben es definitiv nicht unter Kontrolle. Also könnten wir den Versuch „einfach“ aufgeben?
Nipun Mehta, den ich oben bereits zitierte, fand im Interview ein schönes Bild für diese Einsicht: Wir sitzen auf dem Beifahrersitz des Lebens, sagt er. Ich stelle mir vor, dort zu sitzen: Weder Steuerrad noch Gaspedal oder Gangschaltung kann ich erreichen, vielleicht komme ich noch nicht einmal an die Regler für das Radio oder mein Fenster. Aber das ist nicht schlimm, weil ich weiß, dass eine fähige Fahrerin am Steuer ist. Ich genieße die Fahrt und schaue aus dem Fenster. Ich nehme auf dem gesamten Weg mit vollem Herzen wahr und an, was mir begegnet. Übertragen auf unser Leben würde Kontrollaufgabe also nicht Stillstand bedeuten, sondern eine stetige Fortbewegung im Einklang mit dem Leben, dem wir das Steuer überlassen. (Wahlweise Universum, Tao, Gott, Pacha Mama – sucht es euch aus.)

Was wäre die Konsequenz dieses Loslassens, der Aufgabe von Kontrolle?

Im Gespräch dürfte ich Raum lassen, für das, was entstehen will. Emergenz.
Im Tun würde ich öfter mal innehalten, um mich zu fragen: Fühlt es sich gerade „richtig“ an für mich?
Im Planen würde diese Einstellung bedeuten, dass wir Ziele weiterhin als wichtig ansehen, uns aber in der Annäherung immer wieder intuitiv versichern, ob neue Informationen oder Geschehnisse eine Änderung der Route erfordern. Oder vielleicht sogar des Ziels.
Die wichtigsten Handlungsimpulse kämen in der Haltung des Loslassens für mich aus der Antwort auf die Fragen: Ist es leicht? Fließt es? Folge ich der Freude?

Langsamer werden

In der Aufgabe von Kontrolle liegt fast automatisch auch eine Verlangsamung des Lebens, weil wir immer wieder lauschen dürfen, was als nächstes ansteht. Was sich zeigen will. Was gehört, gesehen, umgesetzt werden will. Marshall Rosenberg beschreibt in diesem kurzen Video (https://youtu.be/JARKTi33fDw) warum es sogar lebenswichtig sein kann, sich diese Zeit zu nehmen.

Klingt das alles sehr naiv für dich? Kindisch, weltfremd? Ja – Andrea – du kannst das ja weiter alles schön üben, dort in deiner kleinen wohlgefälligen Blase der selbstgerechten Vorort-Einfamilienhaus-Ehegattin. Aber es gibt Menschen, die sorgen für eine Familie, die führen ein Unternehmen, die kämpfen gegen den Klimawandel oder tun andere wirklich wichtige Dinge. Und denen sollen wir jetzt sagen – „Ey Alda, relax. Nothing is under control!“ Ja. Genau. Weil es wahr ist. Und weil es gerade Menschen, die täglich wichtige Entscheidungen treffen, einladen könnte, mehr mit dem Herz und weniger mit dem Verstand zu entscheiden. In der Einsicht, dass „Sicherheit“ eine Schimäre ist, könnte vielleicht sehr viel Freiheit liegen: Wir werden still und hören auf das Leben und dann können wir aus der Verbundenheit heraus die Verantwortung übernehmen: Für die Familie, das Unternehmen, für unser Leben und wir können beginnen, die Dinge „richtig“ zu machen – im Sinne der Lebensdienlichkeit des Handelns.

Wie geht es dir mit der Kontrolle:

  • Wer sitzt auf dem Fahrersitz deines Lebens?
  • Wo kannst du auf keinen Fall loslassen?
  • Was würde passieren, wenn du die Kontrolle über dein Leben aufgibst?

Dieser Text ist teilweise auch im März-Newsletter FEDERFLUSS erschienen. Wenn du gerne regelmäßige Schreibimpulse erhalten möchtest, kannst du ihn hier abonnieren.