Was ist das, ein eigener Schreibstil? Erkennst du Autoren oder Autorinnen an ihrem Stil? Shakespeare, okay. Das ist einfach. Und ein paar weitere Schreibende würde ich vermutlich erkennen, zumindest erahnen können. Du sicher auch. Also ist der Stil ein persönlicher – wird durch die Persönlichkeit des Schreibenden geprägt? Ja. Und nein – denn auch sein Genre, sein Thema, seine Botschaft und das Medium, in dem eine Autorin veröffentlicht, spielen eine Rolle. Und schließlich schreibst du in deinem Buch auch einen anderen Stil als in Bewerbungen oder gar in Schreiben an den Vermieter, weil die Heizung wieder nicht funktioniert. Also?
Vielleicht hast du dich als Schreibende(r) auch schon mit der eigenen Stimme beschäftigt und auch immer wieder mit der Sprache und der Frage, wie du sie einsetzt? Für mich ist der eigene Stil mehr als Sprache und Stimme – aus meiner Sicht umfasst der Stil auch die oben bereits genannten Aspekte. Und gleichzeitig ist der Stil weniger, denn wir können ihn, wie gesagt, wechseln. Wir können bürokratisch, lyrisch, akademisch, technologisch oder biografisch schreiben. Also?
Also haben Sprache, Stimme und Stil viel miteinander zu tun. Doch die Kernfrage ist – meines Erachtens – eine andere: Wie setze ich meine Stimme, die Elemente der Sprache und die Werkzeuge des Erzählens ein, um mich – wirklich mich – auszudrücken? Darüber könnten wir jetzt philosophieren, doch ich habe eine bessere Idee – nämlich eine Übung, die dir diese Frage beantwortet – bitte machen!
Übung1:
Halte einmal inne und beantworte die folgende Frage mit circa 10 Minuten intuitivem Schreiben (also einfach drauflosschreiben, automatisch und schnell, ohne Pausen)
Wie setze ich Sprache ein, um mich auszudrücken?
Wenn du fertig geschrieben hast, lehne dich zurück und verändere dadurch die Perspektive. Aus der Intuition gehst du nun in die Analyse des Geschriebenen: Unterstreiche in deinem soeben geschriebenen Text drei, vier oder fünf Begriffe, die dir wichtig erscheinen. Voilà! Schon hast du einen ersten Eindruck über deinen Stil gewonnen. Häng dir diese Worte vielleicht mit einem Post-it an den Rechner.
Gut, aber was muss „man“ über guten Stil sonst noch wissen? Ich finde es schwierig, Allgemeinwissen über Stil mit Euch zu teilen, weil es so unzählig viele Beispiele dafür gibt, dass wir einen guten Schreibstil nicht per Wissen oder Algorithmus erwerben können. Und doch gibt es Forscher, die eben das ausprobiert haben (siehe Buchbesprechung hier). Sie konnten folgendes herausfinden:
- Leser:innen mögen authentische Sprache, sie sind gerne nah dran. Der Stil soll einfach und sogar umgangssprachlich sein.
- Wenig Beschreibung – mehr Handlung. (Show, dont´t tell.)
- Leser:innen werden gerne mitgenommen, sie begleiten die Protagonisten bei ihren Handlungen genauso gerne wie bei ihren Gedanken.
Wie lassen sich diese Forschungsergebnisse umsetzen – zwei Übungen für dich:
- Schreib, wie du sprichst. Beziehungsweise – sprich doch einfach mal deinen Text.
Du kannst eine Szene oder ein Kapitel ins Smartphone diktieren und auch Word hat in den neueren Versionen eine direkte Diktierfunktion, die Sprache in Schrift umsetzt. Gerade, wenn du beim Schreiben öfter merkst, dass die Sätze eher künstlich werden und furchtbar gedrechselt wirken, versuch´s mit dem Sprechen deiner Texte. Und dann wieder der Schritt zurück in die Analyse: Füllwörter löschen, Formulierungen gerade ziehen, feilen und polieren. Was unterscheidet diesen gesprochenen Stil von deinem sonstigen Schreib-Stil? Welche Beschreibungen fallen dir zu diesem Stil ein – schreib auch diese Begriffe auf ein Post-it. (Und ran damit an PC oder Wand.) - Schreibe für sehr unterschiedliche Zielpersonen. Eine tolle Übung. (Finde ich.) Be-schreibe doch einmal den gleichen Sachverhalt (gerne ein Thema aus deinem Buch) für ein Grundschul-Kind, für eine Jugendliche, einen Studenten, für einen Philosophieprofessor, eine Ministerin, für deine Oma … ja, ich weiß, du hast das Prinzip verstanden. Was fällt dir auf? Welche Unterschiede und vor allem welche Gemeinsamkeiten haben deine Stile – mach dir auch dazu gerne Notizen. (Noch ein Post-it für deinen Rechner oder deine Wand – ist noch Platz?)
Und dann habe ich noch eine Idee, die du sonst nirgendwo finden wirst. Die mir aber aus dem Herzen spricht: Schreib kompliziert!
Wirklich? Ja – schreib kompliziert, verworren, verschlungen, unklar, umständlich. Schachtelsätze, Klammern in Klammern, unvollständige Sätze, Querverweise … Mach es deinen Leserinnen ruhig ab und zu mal schwer. In den meisten Schreibratgebern (in der Werbung und im Marketing sowieso) wird sehr viel Wert auf Klarheit, einfache Sprache und Verständlichkeit gesetzt. Der Rat ist zumeist, dass die Leser nie denken sollten „Was will der Autor mir damit sagen?“ Wirklich nicht? Doch! Ich finde absolut, dass meine Leserinnen das überlegen sollen, sogar überlegen müssen. Ich will ja, dass sie denken. Ich will nicht, dass sie meine Worte einfach so konsumieren, ich bin anspruchsvoll – ich will Resonanz. Der Groschen soll nicht liegen bleiben, er darf fallen. Und dazu gehört, dass das Gehirn meiner Leser fleißig arbeitet. Im wunderbaren Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt Daniel Kahnemann auf vielen, vielen (teilweise sehr komplexen) Seiten diese zwei Varianten des Denkens. Meine Quintessenz lautet, dass erst eine starke kognitive Beanspruchung den Nachdenkprozess aktiviert, wie es Kahnemann überzeugend darstellt (auf den Seiten 86 ff). Der Preis, den ich dafür zahle, ist hoch: Wenn ich einen Sachverhalt möglichst einfach und einprägsam darstelle, werde ich als kompetent wahrgenommen. Kognitive Leichtigkeit ist sehr erwünscht bei den Lesenden, sie halten mich dann für eine Expertin. Ja, so einfach möchte die Welt sein. Stattdessen pfeife ich auf mein Expertentum. Ich will, dass meine Leser:innen Teil einer Denk-Gemeinschaft werden, einer Gemeinschaft von Nicht-Wissenden, zusammen mit mir. Und für die mach ich´s gerne mal komplex, damit die grauen Zellen anlaufen und in den Modus des „langsamen Denkens“ kommen. Aber das ist MEIN Stil. Und muss nicht deiner sein.
Und jetzt mach ich das Komplexe dann doch mal einfach – für dich, weil du´s bist:
Stil kann alles sein – wenn es gewollt ist und nicht einfach passiert.