Wie entsteht eigentlich eine Idee?
Das fragte ich mich kürzlich und jetzt frage ich dich – wie kommst du an die Ideen für deine Texte? (Oder an die Ideen für dein Leben?) Wie entstehen deine Einfälle und die Entschlüsse, eine Geschichte genauso zu schreiben und nicht anders? Sind es Geistesblitze – gerade war da noch nichts und plötzlich ist die Geschichte da – quasi fertig verpackt mit Schleifchen. Und du darfst sie nur noch aufschreiben?
Oder ist es eher so, dass sich ein Impuls aus einem gerade geführten Gespräch mit einem Text vermischt, den du vor drei Wochen gelesen hattest? Und dazu kommt noch etwas, das du mal gelernt hast, ein Zettelchen aus der Schublade und eine Bemerkung der Nachbarin sowie natürlich die Bereitschaft, all diese Bausteine – und noch viele mehr – in eine Geschichte einzubauen, weil da ein drängendes Gefühl von richtig oder wichtig ist.
Ist es so? Oder ganz anders?
Wie entstehen Ideen, wie kommen sie zu uns? Und – vielleicht sollten wir noch grundsätzlicher fragen: Sind es wirklich UNSERE? Haben wir sie „gemacht“ oder originär gedacht? In ihrem Buch Big Magic schreibt Elisabeth Gilbert davon, dass Ideen sich „Wirte“ suchen – Autorinnen, die diese Idee in ein Buch umsetzen. Und wenn der Autor zu lange zögert, dann hüpft die Idee eben weiter und befruchtet eine andere Schreibende. Ist das nicht ein schöner Gedanke – Ideen sind lebendig und haben ein Bedürfnis, gesehen und geschrieben zu werden. Sie „befallen“ uns und wir dürfen offen sein für ihre zarte oder vielleicht durchaus deutliche Stimme: Schreib mich!
Das Buch Wenn Gefühle auf Worte treffen protokolliert ein Gespräch zwischen den Autorinnen Siri Hustvedt und Elisabeth Bronfen. Hustvedt erzählt auf Seite 184 über eines ihrer Essays – „Warum diese Geschichte und nicht eine andere“. Es sei entstanden aus ihrer Faszination für die Frage, wie das Schreiben von Fiktion eigentlich funktioniere und sie erklärt, dass Schreiben aus ihrer Sicht vollkommene Entspannung und Offenheit für „unbewusstes Material“ verlange. Wenn dieses Material bewusst werde, dann stelle sich eine Form ein und Überraschungen können passieren. Einige Seiten weiter (202) berichtet die Autorin von ihrer Überzeugung, dass ihre Protagonistinnen und Figuren ihr sagen, was sie zu tun – ergo zu schreiben – habe. Sie haben also ein Eigenleben und Siri Hustvedt bedauert von Herzen, dass in ihrem Roman „Die Leiden eines Amerikaners“ die Figuren nicht zusammenfinden. Sie habe es inständig gehofft, doch es kam anders und dennoch wusste sie genau: Dies ist wahr.
Diese Aussage finde ich bedeutsam. Sie verändert für mich sehr viel. „Dies ist wahr!“ Als Schreibende bezeuge ich die Wahrheit – meine Wahrheit. Wenn ich schreibe, dann ist da eine Art Geländer oder vielleicht eher ein Seil, eine Trosse. Dieser Strang, an dem ich mich entlanghangele, ist meine authentische Wahrheit und ich merke sehr schnell, wenn er mir aus den Händen gleitet – ich verliere den Halt. Und die Geschichte verliert ihn ebenfalls. Dann muss ich zurückgehen und suchen, bis ich wieder einen sicheren Griff gefunden habe – und von dort aus weiterschreiben. Vielleicht gehe ich nur ein bisschen zurück und finde mein Seil wieder, versteckt unter einer unklaren Formulierung oder in der Hand einer Protagonistin, deren Bedeutung für die Geschichte noch nicht klar ist. Vielleicht muss ich auch „zurück auf Los“ und die Grundannahmen des Textes überprüfen – was ist das Thema? Wie lautet die Botschaft?
Als Autorin übernehme ich also Verantwortung für meine Ideen: Zum einen gehe ich auf Empfang. Zum anderen stelle ich mein Wissen, Denken und Spüren sowie vor allem mein Tun in ihren Dienst. Vielleicht ist es letztendlich auch so, dass die Idee, die Figuren und ich ein Team bilden. Gemeinsam bringen wir unser volles Potenzial ein. Eine Geschichte entsteht. Und mit dieser Geschichte setzt sich ein endloser Zyklus von Inspiration fort. Denn wer weiß schon, zu welcher Idee genau diese Geschichte eine andere Schreibende inspirieren wird. Dich vielleicht?
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