Jahrelang habe ich immer wieder den Ratschlag erhalten, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Jahrelang habe ich es nicht getan. Weil ich nicht verstanden habe, warum ich es tun soll. Und dann wurde ich immer öfter von lieben Menschen darauf hingewiesen, dass meine Sichtweise sehr negativ sei – halbleeres Glas und böse Welt. Du weißt schon. Und irgendwie hing ich fest in dieser negativen Schleife – ich kam da nicht raus.

Das Negative ist sicher

Es ist unglaublich schwer, diese Negativspirale zu unterbrechen, weil wir gegen einen Instinkt verstoßen. Wir sind neurobiologisch darauf ausgerichtet, das Schlechte zu sehen, denn hier lauerte die Gefahr – früher einmal. Vor tausenden Jahren erzählte man sich abends am Lagerfeuer, wo der Tiger jagt, der Fluss zu breit ist oder ein Baum droht umzufallen. Das schützte die Gemeinschaft und hat sich tief in unser Reptiliengehirn eingegraben. Deswegen tun wir´s heute auch noch. Wir erzählen von der blöden Bäckereiverkäuferin, dem unkollegialen „Spacko“ und den Marotten des Ehegatten – wir „schützen“ weiterhin die Gemeinschaft, indem wir sie vor Negativem warnen. Und das fühlt sich gut und richtig an.

Wie kommen wir raus aus dieser Konditionierung?

Also begann ich 2018 schließlich doch, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Als Schreibende und Schreib-Coach lag das nahe. Ich war neugierig, aber nicht besonders inspiriert – was sollte es schon bringen, jeden Abend ein paar Punkte zu notieren, für die ich dankbar bin? So richtig verstand ich die Idee nicht, aber irgendwas musste ich ja tun. Irgendwann stellte ich fest, dass ich begonnen hatte, meine Aufmerksamkeit im Tagesverlauf mehr auf Aspekte auszurichten, die mir Futter für mein Tagebuch bieten würden. Ganz langsam, unbemerkt, hatte sich ein Shift vollzogen. Und – Energie folgt der Aufmerksamkeit – es schien, als würde plötzlich mehr passieren, für das ich dankbar sein konnte!

Ich staunte: Es ist wirklich ganz einfach – nur eine Sache der Wahrnehmung. Im Kern ist die Praxis der Dankbarkeit eine Umprogrammierung alter neurobiologischer Muster: Wir sehen das Gute und wir erzählen darüber – über das kleine Mädchen im Supermarkt, das uns anlächelt. Über die perfekte Stachelbeere, gepflückt vom eigenen Strauch. Wir nehmen wahr, wie reichlich und reichhaltig das Leben unseren Tisch gedeckt hat. Wir sehen, was andere für uns tun und nehmen nichts mehr als „selbstverständlich“. Wir notieren immer und immer und immer wieder, was wir haben und was uns widerfährt und welches Geschenk darin versteckt ist.

Anfangs braucht es Disziplin, den Blick ganz bewusst auf das Schöne, das Gute zu richten, sei es noch so klein. Mit der Kraft der Dankbarkeit auf jede Blüte, jede Geste, jedes Glitzern der Sonne auf den Wellen zu schauen und sie groß werden zu lassen – das Herz weit. Auch im Hinblick auf eine absolut angebrachte Kritik an der Praxis des positiven Denkens möchte ich hier betonen, dass ein Grundton der Dankbarkeit im Leben nicht heißt, dass wir die Umstände verleugnen. Das Leben ist oft schwer. Das ist so. Aber es ist unsere Entscheidung, ob wir in der Lage sein möchten, das gesamte Spektrum aller Emotionen einzuladen und zu begreifen, dass sie alle gleichermaßen kommen und gehen. Oder ob wir uns im Klammern an einen unerreichbaren, aber angestrebten Zustand der ewigen Zufriedenheit absichtlich ins Unglück stürzen, weil aus der Unerreichbarkeit des ständigen Wohlseins zwangsläufig Unzufriedenheit und ein pausenloses Mangeldenken entstehen.

Einfach machen

Wir können uns auf das Positive ausrichten und vor dem Hintergrund des Negativmodus, welcher unser Normalbetrieb ist, MÜSSEN wir es sogar. Denn sonst gelangen wir in diese oben erwähnte Negativschleife, die sich immer mehr manifestiert. Ein Beispiel: Wir haben zwei Begegnungen – eine mit einem freundlichen, eine mit einem unhöflichen Menschen. Letztere bleibt viel wahrscheinlicher hängen und wird in Folge auch erzählend immer wieder durchlebt und daher auch durchfühlt. Und vor allem: Negativität ist ein Dominoeffekt, denn unser Gesprächspartner nimmt die Story auf und setzt seine Erlebnisse von unhöflichen Rüpeln drauf – man einigt sich: Die Welt ist schlecht. Was wäre passiert, wenn wir stattdessen ganz bewusst berichtet hätten: Heute morgen beim Bäcker hat mich eine Kundin so nett angelächelt, da musste ich einfach zurückgrinsen und habe mich gefreut.

Dass wir seit Urzeiten darauf gepolt sind, am Lagerfeuer warnend von den Gefahren zu berichten, heißt nicht, dass wir hilflos sind. Wir entscheiden, welchen Wolf wir füttern und welche der zwei Begegnungen in unserem Erleben und unseren Erzählungen fortleben darf, sich manifestieren darf. Aber – sagst du jetzt, weil es ja immer ein „Aber“ gibt – ist es nicht sinnloses Tralala, dieses ganze Gerede von Freude und Liebe und Dankbarkeit, während da draußen Krieg und Tod vorherrschen? Wir müssen uns den Realitäten stellen, sagst du, vielleicht, weil du meinst, die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Aber ist das so? War denn die lächelnde Frau nicht beim Bäcker?

Anleitung für das Dankbarkeitstagebuch – du brauchst:

1 schönes Tagebuch mit leeren oder linierten Seiten (was magst du lieber – Struktur oder wilden Wortfluss?)

1 Stift, der gut schreibt und angenehm in der Hand liegt – oder mehrere, vielleicht in verschiedenen Farben?

15 Minuten Zeit am Tag: Am besten ist ein regelmäßiges Zeitfenster – abends oder mittags oder morgens. Wenn das für dich nicht möglich ist, dann plane deine 15 Dankbarkeitsminuten zumindest für eine Woche im Voraus als Termin mit dir selbst im Kalender.

1 Schild an der geschlossenen Türe: „Bitte 15 Minuten nicht stören. Danke!“

Die ersten 5 Minuten sitzt du einfach nur da – schaust aus dem Fenster, lässt den Tag an dir vorbeiziehen. Atmest. Beobachtest deine wild kreisenden Gedanken, beobachtest deinen Atem. Dann nimmst du dir den Stift und schreibst – drei Ereignisse des Tages, für die du dankbar bist. Und wenn dir dazu nichts einfällt

– Wofür bist du generell dankbar – Luft, Wasser, Dach über dem Kopf…
– Welchen Menschen in deinem Leben bist du dankbar?
– Bei wem könntest du dich mal bedanken – einfach so?

Und wenn du fertig bist – lies es dir das Geschriebene nochmal durch. Kannst du bemerken, dass sich deine Stimmung in den letzten 15 Minuten verändert hat? Was ist anders – vielleicht?

Und dann geh raus und bedank dich bei deiner Familie, dass sie dich nicht gestört haben.

Und ich danke dir, dass du mit dieser kleinen Übung die Welt verändern wirst. Namaste

Transparenzhinweis: Teile dieses Beitrags sind im Artikel „Dankbar für die Dankbarkeit“ in der Zeitschrift Yogaworld erschienen.