Kommunikation: Warum wir weniger „Ja aber“ sagen sollten

2018-03-19T14:24:41+00:0019. März 2018|

Kommt Dir diese Situation bekannt vor: Ihr seid mitten in einer intensiven Kommunikation und weil Dir ganz viel zu dem Thema einfällt, reagierst Du prompt mit „Ja aber, wir müssen auch bedenken …“, „Ja aber, sollten wir nicht …“ oder „Ja aber, dazu gehört noch…“?

Wir alle machen das ab und zu. Und platzieren diese „Ja aber“ auch gerne zwischen die Ausführung unseres Gesprächspartners, ohne ihn oder sie aussprechen zu lassen. Wir wundern uns dann vielleicht, wenn unser Gegenüber lauter wird, hitziger diskutiert und irgendwie sehr unzufrieden wirkt. Am Ende gibt es kein Ergebnis, dabei waren die Ideen wirklich gut und das Interesse von beiden Seiten ehrlich.

Was kann passiert sein? Ich habe eine Idee: Auch wenn Du es nicht wolltest, Du hast Deinem Gegenüber signalisiert, dass Du nicht zustimmst. Ein „Ja aber“ mag Dir vorkommen wie eine zustimmende Ergänzung eines Arguments, tatsächlich ist jedes „Ja aber“ ein Zeichen an Deine Gesprächspartner, dass sie falsch liegen, Unrecht haben, Dinge nicht bedacht haben. Statt „Ja“ = Bestätigung und „aber“ = Ergänzung hört Dein Gegenüber also „Ja“ = „Ich habe Dich gehört“, „aber“ = „Du liegst falsch“. Das „Ja“ macht die Tür auf, damit Du mit dem „aber“ noch besser gegens Schienbein treten kannst. Hört sich nicht gut an, oder? Dadurch zwingst Du Dein Gegenüber in einen Rechtfertigungsdruck. Statt einer lösungsorientierten Diskussion entwickelt sich ein als unangenehm wahrgenommener Schlagabtausch.

Ja, ich weiß, Du meinst das nicht so. Aber es kommt so an. „Ja aber“ …
• …sind wie eine Mauer, an der Ideen abprallen.
• …leiten den Dialog sofort um: „Stopp, Du kommst hier nicht weiter.“
• …unterbrechen den Gedankenfluss, man fängt immer wieder von vorne an.
• …setzen eine Idee nicht fort, sondern setzen ihr etwas entgegen.

Es ist wie beim Kochen – „Ja aber“ schüttet das angefangene Rezept in den Ausguss, weil es noch nicht vollendet ist. Würde man dagegen ein Gewürz oder eine weitere Zutat hinzufügen, könnte man ein leckeres Essen genießen. So eine Vollendung schaffen im Gespräch ein „Ja genau“ oder „Ja und“.

„Ja genau“ oder „Ja und“ bereichern die Kommunikation

Diese beiden Formulierungen sind Einladungen zum Weiterdenken. Ein fast revolutionärer Ansatz, jeden Impuls positiv aufzunehmen und weiterzuspinnen, der gerade für mich im Textcoaching unabdingbar ist. Ersetzen wir „aber“ durch „und“, erreichen wir mit einer kleinen Änderung etwas Großes. Das „und“ verbindet, es stellt zwei Standpunkte gleichwertig nebeneinander, so dass sie parallel bestehen können. Beim „aber“ ist das ganz anders – es bewertet und stellt den eigenen Standpunkt dem anderen entgegen oder sogar über den anderen.

Was wir mit einem „Ja und“ erreichen können: Wir hören einander zu und können konstruktiv ein gemeinsames Ziel verfolgen. Neue Ideen werden fortgeführt. Sie erhalten den Raum, der ihnen zusteht. Eine Situation kann sich entspannen, Kreativität wächst. Schön, oder? Probiere es aus: Versuche gemeinsam mit Kolleginnen oder Freunden ein Thema zu besprechen, ein Problem zu lösen. Überlegt Euch z.B., was Ihr heute Abend machen könntet. Während Ihr in einer ersten Runde jeden Beitrag mit „Ja aber“ beginnt, leitet Ihr in der zweiten Runde Eure Wortmeldungen mit „Ja und“ oder „Ja genau“ ein. Wie fühlt sich das an?

Typischerweise läuft die „Ja genau“-Runde deutlich schneller ab. Die entstehende, gemeinsame Idee ist deutlich reichhaltiger als die vereinzelten Gedankensplitter aus der ersten Runde. Ich bin neugierig – schreib mir doch mal, was passiert ist, als du es ausprobiert hast.

Der entscheidende Unterschied zwischen „Ja aber“ und „Ja und“: Während „Ja aber“ einen neuen Gedankengang beginnt, werden „Ja und“ oder „Ja genau“ einen Gedankengang immer fortführen oder ergänzen. Deswegen entsteht am Ende ein gemeinsames Ganzes – egal, ob es ein berufliches Gespräch war oder eben nur die Frage, was man abends kocht.
Schauen wir uns diese Frage doch mal in der Praxis an:
B: Was essen wir heute Abend?
A: Wollen wir Pizza machen?
B: Ja aber, die hatten wir doch gestern schon.
A: Was wollen wir dann machen, schlag Du doch was vor.
B: Keine Ahnung, schlag Du doch was vor.
A: …

Szenenwechsel – nochmal die gleiche Frage:
B: Was essen wir heute Abend?
A: Wollen wir Pizza machen?
B: Ja genau, und heute machen wir sie mit Tomaten und Mozzarella, nicht wie gestern mit Schinken und Edamer, dann ist sie leichter und schmeckt ganz anders.

Merkst Du, was passiert? „Ja und“-Antworten führen schneller zum Ziel, aber sie benötigen ein bisschen mehr Hirnschmalz beim Antwortenden. Vielleicht liegt es daran, dass so oft ein „Ja aber“ zum Einsatz kommt. Dafür gibt es auch noch andere Gründe.

Warum wir so oft „Ja aber“ sagen

• Wir sind zu Problemdenkern erzogen worden.
Es gehört fast schon zum guten Ton, erstmal alles zu analysieren, zu durchdenken, zu organisieren und zu strukturieren. Wenn wir alle potenziellen Lücken erkannt, alle Fehlerquellen eliminiert haben, dann könnten wir zu einer Lösung kommen. Für uns sind Dinge zuerst kaputt, Gläser in der Regel halbleer. Allgegenwärtig ist der Mangel und den gilt es zu beheben. Anders gesagt: Wir sehen Probleme eher als Chancen.
• Wir sind sicherheits- und bewahrungsorientiert
Wer „Ja aber“ sagt, kann in seiner Komfortzone bleiben, muss sich (geistig) weniger bewegen. Es geht nicht um die Problemlösung, sondern (unbewusst) um ein Bewahren des Ist-Zustandes. Das „Ja aber“ blockiert praktischerweise die Weiterentwicklung, das schafft Sicherheit. Damit ist es gut für alle, die ängstlich sind und die Situation gerne unter Kontrolle haben. (Und das sind viele, ich schließe mich da gerne ein!) Wer nichts wagen mag ist also aus Prinzip dagegen und wird sich im „Ja aber“ wohler fühlen als im „Ja und“.
• Wir sind trainiert darauf, unsere eigene Meinung bestmöglich zu platzieren.
Mit dem „Ja“ suggerieren „Ja, aber“-Sager zunächst Zustimmung, um das Wort ergreifen zu können. Und weil sie besser informiert sind, wissen sie stets einen Einwand, haben berechtigte Zweifel und können ein Argument gegen etwas hervorbringen. Damit manifestieren sie ihren Expertenstatus des „Besserwissers“, ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie stehen im Mittelpunkt und genießen ihre Sonderposition. Allerdings zulasten des Ergebnisses.

Was sagen wir über uns, wenn wir „Ja aber“ sagen?

Sprache ist mehr als die Übermittlung von Informationen. Du hast schon mal von der Sachebene und der Beziehungsebene gehört. Wenn Du meinen Ausführungen bis hierher gefolgt bist, dann wird Dir klar geworden sein, dass ein „Ja aber“ wenig auf der Sachebene und ganz viel auf der Beziehungsebene transportiert. Wer es ausmerzen will, bei sich und bei anderen, kann an der Beziehung arbeiten. Und zwar auch an der zu sich selbst. Ich wage mal eine Vermutung: Wer mit sich selbst im Reinen ist, sagt weniger „Ja aber“ und traut sich öfter „Ja und“ zu einer Situation oder zum Gegenüber zu sagen. Lehne ich mich mit dieser These zu weit aus dem Fenster – was meinst Du?