Hilfst du mir zu verstehen, wer du bist? Ich möchte, dass du weißt, wer ich bin. Ich möchte mit dir eine gemeinsame Geschichte erleben und erzählen. Und was ich noch möchte? Ich möchte, dass unsere Enkelkinder einmal sagen, dass das Geschichtenerzählen den Lauf der Zeit verändert hat. Sie werden berichten, dass es einmal eine Zeit gab, in der Kriege, Katastrophen und Angst grassierten. Eine Zeit, in der die Menschen abgelenkt waren und gestresst, gefangen im Festhalten an all den Dingen, die sie für wichtig hielten. Aber dann, keiner weiß mehr genau warum, geschah etwas, das niemand vorhersehen konnte und das auch niemand stoppen konnte: Die Menschen begannen wieder Atem und Hoffnung zu schöpfen – sie hatten die Kraft der Geschichten wiederentdeckt. Menschen machten Schluss mit eingefahrenen Verhaltensweisen, die Nachbarschaft und Natur zerstört hatten. Sie kehrten den Maschinen den Rücken zu und begannen ihre Hände in die Erde zu versenken. Sie wandten sich von alldem ab – und einander wieder zu. Sie setzten sich hin und sie sprachen und hörten zu.

Geschichten haben Macht

Das könnten unsere Enkel vielleicht einmal erzählen, wenn wir es möchten. Letztlich liegt es an uns. Geschichten haben Macht. Das glaubst du mir nicht? Es ist so – wie wir die Geschichten unseres Lebens erzählen, bestimmt, wie wir unser Leben leben. Schauen wir es uns einmal an:

Geschichte A: „Da ist wieder so ein Vollidiot im Auto vor mir, der mit 30 durch die Stadt kriecht und die ganze Zeit auf seine Beifahrerin einquasselt. Die ist bestimmt schon ganz genervt.“

Geschichte B: „Hast Du gesehen, wie verliebt die zwei da vorne im Auto sind? Der kann ja noch nicht einmal Gas geben oder auf die Straße achten, weil er sie die ganze Zeit anhimmeln muss.“

Verstehst Du? Geschichtenerzählen hat nichts mit Objektivität zu tun. Es geht nicht um Journalismus, um Evidenz, um Belegbarkeit. Geschichtenerzähler sehen das Leben durch ihr Schlüsselloch, das eingekerbt ist durch eigene Erfahrungen, Gedanken und Annahmen. Verstärkt durch ein bisschen Glanz und Glitter: Der Lachs wird größer, der Wind wird zum Orkan, die Liebe wird unendlich und der Mutige wird zum Helden – in Geschichten gibt es keine Lüge, es gibt nur die Ungeduld der Wahrheit.

Es wird Zeit!

Es wird Zeit für Geschichtenerzähler, denn beim Erzählen kommt das Beste in uns zum Vorschein. Hervorgeholt durch eine gute Frage, durch ein offenes Ohr, ein mitfühlendes Herz, durch volle Aufmerksamkeit. Wir werden erhört – können sprechen, schreiben und präsent sein. Wenn wir eine Geschichte erzählen, erschaffen wir eine Welt, in die wir andere einladen. Und wenn wir einer Geschichte zuhören, akzeptieren wir die Einladung in eine Erfahrungswelt, die nicht unsere ist. Geschichten verbinden über Mitgefühl, nicht über Meinungsgleichheit. Sie schaffen Verbindung, nicht unbedingt Übereinstimmung.

Unser Gehirn liebt Geschichten

Gehirnforscher vermuten, dass schon die frühen Menschen am Lagerfeuer ihre Informationen über Geschichten ausgetauscht haben, weil unser Gehirn diese Art der Vermittlung liebt. Sie entspricht seiner Struktur, denn wir denken in Geschichten. Unser Gehirn speichert Informationen als verknüpftes Netzwerk ab, genau wie in der Struktur einer Geschichte. Auch sie hat Informationen – Orte, Personen, Handlungen – die miteinander verknüpft sind. Deswegen kann ich mir einen Einkaufszettel merken, wenn ich aus Butter, Brot, Milch und Äpfeln eine Geschichte mache. Deswegen merke ich mir den Namen von Frau Strahlegans, wenn ich mir eine strahlende Gans vorstelle. Und Herrn Steinbrück … – ja ich weiß, du hast verstanden. 😊

Unser Gehirn hat noch einen Grund, Geschichten zu lieben – sie regen unsere Denkfähigkeit an. Beim Lesen und Hören von Geschichten simuliert das Gehirn das fiktive Geschehen, etwa die Handlungen der Figuren. Das stimuliert und trainiert sogar den prämotorischen Kortex, der für höhere geistige Leistungen und Perspektivwechsel wichtig ist.

Ich hab´s dir doch gesagt: Geschichten helfen uns, die Perspektive zu wechseln. Und was wäre gerade wichtiger? Geschichten haben die Kraft, das Herz zu öffnen, auch wenn sie die Meinung nicht ändern. Geschichten sind pures Mitgefühl, Empathie in Aktion, sie schaffen über das Erzählen, über das Zuhören eine Verbindung zwischen Menschen. Wenn wir mit einer großen Kraft und einer besonderen Qualität zuhören, dann entsteht Raum: Wir lassen uns berühren, unser ganzes Sein wendet sich der Geschichte zu: Unser Herz bekommt Augen und Ohren.

Geschichten und ich

Mein Job ist es, Geschichten lebendig zu machen. Das fällt mir leicht, denn Geschichten haben schon immer einen großen Raum in meinem Leben eingenommen. Als Kind und später auch als Jugendliche fand man mich meistens – ähnlich wie auf dem Bild hier auf der „Über mich“-Seite – lesend auf der Fensterbank oder unter einem Baum. Ob Schneider-Bücher oder der Herr der Ringe, das Goldene Notizbuch von Doris Lessing (geklaut aus Mutters Bücherschrank) oder Krimis, Biografien, Reiseberichte – ich habe alles verschlungen, was Buchstaben hatte, wenn es mich auf eine bestimmte Art angerührt hat. Später habe ich tanzend und spielend auf der Bühne Geschichten erzählt, die vom Blumenmädchen Eliza Doolittle, zum Beispiel.

Auch Tagebuch habe ich als Jugendliche viel geschrieben – die in bunte China-Seide eingebundenen Bücher stapelten sich neben dem Nachttisch. Vor einigen Jahren habe ich meine Begeisterung für diese Art, das Leben schreibend zu verstehen, wiederentdeckt. Es war ein kleines Büchlein, das mich 2015 im Urlaub auf Juist zum intuitiven Schreiben animiert hat. Dieser Einladung bin ich gefolgt und freue mich seitdem, dass kreative und biografische Schreibroutinen mein Leben und meine persönliche Entwicklung begleiten. Seit einiger Zeit vermittle und entwickle ich dieses Wissen um positive Schreibimpulse und biografisches Schreiben auch in Schreibgruppen.

Geschichten inspirieren

In unseren ganz gewöhnlichen Geschichten über unser ganz gewöhnliches Leben wohnt vielleicht ein ganz ungewöhnliches Geschenk – für die, die erzählen. Für die, die zuhören. Wir nehmen uns aus einer Geschichte, was wir brauchen. Erzählen es weiter. Deshalb werden Geschichten, die wir teilen, niemals weniger.

Hilfst du mir zu verstehen, wer du bist? Ich möchte, dass du weißt, wer ich bin. Warum, weiß ich nicht genau. Solange, bis ich deine Geschichte gehört habe. Und du meine.

(Dieser Text wurde inspiriert vom Buch „Storycatcher – Making Sense of Our Lives through the Power and Practice of Story“ von Christina Baldwin)