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Kennt Ihr das Projekt „Starke Frauen“ noch nicht? Dann könnt Ihr Euch hier das Einführungsvideo (5 Minuten) ansehen oder es lesen.

(Hinweis: Wer das Videointerview mit Maria schon gesehen hat, liest bitte direkt an der Stelle weiter, wo der Text wieder schwarz wird. Die grünen Zeilen sind eine Abschrift des Video-Interviews für alle, die lieber lesen als gucken ????)

Hallo liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, herzlich willkommen zu einer neuen Gesprächsfolge der Starken Frauen. Ich bin heute mit Maria Schleicher verbunden. Maria, jetzt gerade 30 Jahre alt, hatte bereits mit Mitte 20, zielstrebig und voller Ehrgeiz, als Produktmanagerin die Verantwortung für zwei kleine, nachhaltige Bekleidungsmarken, verbunden mit den üblichen Nebenwirkungen: Überarbeitung, Stress und den daraus folgenden Kompensationen durch zum Beispiel intensiven Sport. Ihr kennt das vielleicht, viele von uns machen das jahrelang, jahrzehntelang mit – so ist das Leben halt, denken wir uns. Maria hat es anders gemacht und einen neuen, einen heilsamen Weg beschritten, der sie auf eine lange Reise, zum Yoga und zu Ayurveda geführt hat. (www.namaju.com) Ich finde es total stark, in so jungen Jahren so konsequent zu sein und zu sagen „Mein Leben tut mir nicht gut“ und dann einen anderen Weg zu gehen. Ich stelle mir vor, dass eine starke Frau vielleicht so handelt und möchte deswegen die Frage an Maria weitergeben: Was ist für Dich eine starke Frau?

Maria: Ich würde die „starke Frau“ erst einmal nicht separat, sondern als Menschen anschauen. Ein starker Mensch ist jemand, der weiß, was seine Aufgabe hier ist und der seine Vision kennt. Also: Was ist deine Weisheit, die du mitbringst und die du hier auf dieser Welt nach außen tragen darfst? Ein starker Mensch verfolgt seinen eigenen Weg und lässt sich nicht von den Mustern unserer Gesellschaft und von ihren Erwartungen vereinnahmen. Er vertraut auf seine Intuition, auf sein Gefühl und geht seinen eigenen Weg. Und, um wieder auf die Frau zu kommen: Stark ist für mich eine Frau, die in ihrer weichen, weiblichen, zyklischen Energie ist, die immer wieder in die Rückverbindung zu sich selbst tritt. Diese zyklische Energie ist sehr schwankend, nicht stabil, birgt aber sehr viel schöpferische Kraft und Kreativität in sich.

Andrea: Du bringst Erfahrungen aus zwei sehr unterschiedlichen Welten mit, einmal aus dem klassischen Unternehmertum, denn du warst erfolgreiche Managerin in der Textilindustrie. Jetzt bist du Lehrerin für Yoga und Ayurveda. Mich würde interessieren, wie Dir weibliche Stärke in diesen beiden unterschiedlichen Welten begegnet ist und wie sich auf Deinem Weg vielleicht Dein Bild von Stärke verändert hat.

Maria: In der Wirtschaft ist die weibliche Stärke sehr, sehr männlich geprägt, die Kraft liegt im Machen, im Umsetzen. Im Kontrast dazu sehe ich mein jetziges Tun als Yogalehrerin und Ayurveda-Coach mehr im Fluss, in der Intuition. Wenn ich an die Frauen zurückdenke, die mich in der Modebranche umgeben haben – und dort arbeiten unglaubliche viele Frauen – dann sind dort viele sehr getrieben durchs Leben gegangen und haben irgendwie versucht, die Erwartungen einer männlich geprägten Wirtschaft zu erfüllen. Und dort ist kein Platz für Weiblichkeit, kein Verständnis für das Weiche, Zyklische, das wir benötigen. Eine Frau ist einfach nicht so konstant auf einem Energielevel wie ein Mann, sie wird nicht dauerhaft die gleiche Leistung bringen, jeden Tag kreativ und ideenreich sein, fortwährend abliefern. Diese natürliche Schwankung ist durch unseren monatlichen Zyklus gegeben, in dessen Verlauf wir ganz unterschiedliche Qualitäten erfahren und, wenn wir Glück haben, einbringen können. Aber in der aktuellen Wirtschaft gibt es keinen Raum, in dem eine Frau als Frau zyklisch wirken und in ihre Stärke kommen kann. Andererseits erlebe ich in dem Bereich, in dem ich jetzt arbeite, viele unglaublich kreative Frauen, die oft sehr in der Luft hängen, im wahrsten Sinne „durch den Wind sind“, die Bodenhaftung verloren haben und damit auch die Struktur, die sie vielleicht bräuchten, um wirken zu können.

Andrea: Also krasse Extreme, oder?

Maria: Ja, auf jeden Fall und wenn man die Stereotypen in beiden Bereichen vergleicht, dann wäre eigentlich die Mitte gesund.

Andrea: Aus dem, was Du gerade gesagt hast, habe ich viel Entspannendes mitgenommen, nämlich die Information an uns Frauen, dass es völlig normal ist, wenn wir nicht jeden Tag 100 Prozent Leistung auf einer geraden Linie erbringen. Stattdessen sind wir zyklisch sehr kreativ, sehr engagiert und dann haben wir wieder Phasen des Rückzugs, in denen wir nicht so leicht auf diese Kompetenzen zugreifen können. Ich finde, dass in dieser Botschaft wirklich Heilung liegt, empfindest Du das auch so?

Maria: Ja, ich sehe das genauso und möchte noch hinzufügen, dass wir in diesem Zyklischen auf ganz unterschiedliche Fähigkeiten zugreifen können und uns einfach nur die passenden Bereiche suchen müssten. Wenn wir in unserem zyklischen Sommer sind, zur Zeit des Eisprungs, dann ist unsere Kraft am stärksten, dann können wir Projekte umsetzen, nach Außen treten, Menschen überzeugen. Wir müssten einfach unsere Aufgaben so verteilen, wie wir konzipiert sind. Dann geht es nicht um weniger oder mehr Leistung oder darum, Leistung zu bewerten, sondern einfach nur um eine kluge Planung, so dass wir immer 100 Prozent geben können.

Andrea: Das finde ich einen ganz fantastischen Ratschlag, sich auf sich selbst zu besinnen und sich kennenzulernen, den eigenen Körper, den Zyklus und mit diesem Wissen dann den Zwang hinter sich zu lassen, jederzeit abliefern zu müssen. Stattdessen mit der eigenen Stärke zu gehen und das Richtige zu tun – nicht im Sinne von „richtig“ und „falsch“, sondern das, was gerade passt.

Andrea: Wenn Frauen mehr nach ihrer Natur leben, zyklisch, können sie sich damit stärken?

Maria: Ja, und zwar im Generellen, nicht nur im individuellen, monatlichen Zyklus. Wir können auch den Tag als Zyklus sehen, das Jahr und das ganze Leben. Jeder dieser Zyklen bringt unterschiedliche Qualitäten mit sich. So zeigen sich sowohl im Lauf des Tages unterschiedliche Fähigkeiten zu unterschiedlichen Tageszeiten als eben auch im Monat, im Jahr und in deinem Leben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich mich sehr hin- und hergerissen fühlte, solange ich nicht mit diesem Zyklus gelebt habe. Das Wissen darüber, wann ich welche meiner Fähigkeiten gut nutzen kann, gibt mir sehr viel Kraft und Stabilität und sehr viel Energie, mein Leben zu bewältigen und zu gestalten.

Andrea: Wie kommen Frauen, die sich dafür interessieren, an dieses Wissen über ihre Zyklen, wie komme ich in die Erfahrung, dass mein Körper zyklisch funktioniert?

Maria: Mein Einstieg war, dass ich alle Hormone abgesetzt habe und zur Verhütung jetzt die Temperaturmethode einsetze. (Info dazu zum Beispiel hier) Dadurch muss ich meinen Körper beobachten und das hilft mir unglaublich, ihn besser zu verstehen. Weil ich bewusst feststelle, dass ich immer rund um den Eisprung sehr, sehr viel Energie habe. Oder – andere Beobachtungen könnten sein – was isst du rund um diesen Zeitpunkt, wie kleidest du dich, welche Gespräche führst du, was beschäftigt dich? Wenn du das einfach mal für dich aufschreibst – und da können drei Stichpunkte am Tag völlig ausreichen – dann lernst du dich über die Zeit viel besser kennen. Und je mehr du mit dir in Verbindung trittst, je mehr du in diese Eigenforschung gehst, desto mehr kannst du auch auf dich hören.

Andrea: Das ist ein guter Tipp – beginne, Buch zu führen und dann beginnst du, Muster zu erkennen. Ich selbst habe auch über das Tagebuchschreiben festgestellt, dass ich immer im Herbst total nervös und unruhig bin und kann deswegen inzwischen gelassener damit umgehen – „Ach so, stimmt, es ist wieder Herbst, der Zugvogel in mir will weg…“ Im Buchführen entdecken wir unsere Zyklen, indem wir vielleicht nur am Anfang und am Ende des Tages einen Satz aufschreiben – wie war das heute für mich? Und dann wird sich vielleicht über den Tag, über den Monat, über das Jahr ein Rhythmus herausstellen.

Maria: Was mir noch geholfen hat, um tiefer einzusteigen, ist natürlich der Ayurveda, der auch mit den Biorhythmen der Natur arbeitet. Wir alle sind Natur und diese Erfahrung sollten wir wieder in unser Leben integrieren Wir koppeln uns als Mensch zu oft von der Natur ab, stellen uns darüber. Stärke entsteht, wenn wir uns als Teil der Natur erkennen, uns eingliedern. Wie eine Pflanze, ein Tier, wie jedes Lebewesen werden wir vom Wetter, von der Temperatur, der Jahreszeit, also von allem, was da Draußen passiert und von allen Rhythmen beeinflusst.

Andrea: Und Ayurveda geht mit der Natur, mit den Zyklen, den Elementen?

Maria: Ja, denn überall in der Natur – auch im Menschen – finden wir die drei Energien des Ayurveda, die Doshas. Alles, was Struktur besitzt, hat eine Kapha-Energie, gekennzeichnet vor allem vom Element Erde, und beispielsweise den Frühling zugeordnet, wenn alles träge sprießt. Pitta ist das Feuer und alles, was mit Stoffwechselprozessen oder mit Wärme zu tun hat, der Sommer wird dem Pitta-Dosha zugeordnet. Vata ist geprägt durch das Element Luft, schwankend, wibbelig, wir finden Vata-Energie oft bei kreativen Menschen, die wie ein Schmetterling von einer Blüte zur nächsten springen und ganz viele Ideen haben. Oder auch im Herbst, der auch diese wirbelnde Energie mit sich bringt. Mit diesem Wissen können wir unsere Bioenergie viel besser nutzen. Wir können das Zyklische, Weibliche, von dem ich eben schon sprach, stärken, intensivieren oder ihm eben auch bewusst mal etwas entgegensetzen. Dem Vata-Typ bewusst eine erdende Kapha-Energie verpassen, durch die Ernährung zum Beispiel.

Andrea: Wir haben jetzt ganz viel über die weibliche Stärke gesprochen, die aus dem zyklischen Wissen entsteht. Können Männer dieses Wissen auch für sich nutzen?

Maria: Ja, ich glaube schon, dass Männer auch eine zyklische Stärke nutzen können, aber ein bisschen anders als Frauen. Hier konzentriert es sich mehr auf die Rhythmen des Tages, des Jahres und des Lebens und weniger auf die Hormone – dieser entscheidende Zyklus fehlt und das wirkt sich meiner Meinung nach deutlich auf die Art und Weise aus, wie Frauen oder Männer die Arbeitswelt erleben.

Andrea: Du hast ja in der Modebranche gearbeitet, in der der Frauenanteil deutlich höher ist als in andern Branchen. Ich sehe jetzt gedanklich – wahrscheinlich auch durch Filme wie „Der Teufel trägt Prada“ – direkt die typischen Beispiele weiblicher Macht und Stutenbissigkeit vor mir. Hast Du das so erlebt und was würde Deiner Meinung nach dagegen helfen?

Maria: Ja, diesen ganzen weiblichen Quatsch habe ich auch erlebt. Mein Ausweg daraus ist Selbstliebe, denn ganz abgesehen von der Art, wie wir in männlichen Systemen agieren (müssen), sehen wir Frauen uns auch untereinander oft als Konkurrenz, weil wir uns selbst nicht so gerne mögen. Für mich steckt ganz viel Kraft darin, als Frau in die Stärke zu kommen, indem ich beginne, mich selbst zu akzeptieren, zu lieben, meinen Körper, meine Fähigkeiten wirklich zu schätzen und über diesen Weg auch das Werten und damit das Konkurrenzdenken auszuschalten. Eine Frau, die wirklich mit anderen Frauen co-kreiert, in Verbindung tritt und die Kraft ihrer weiblichen Energie in einem Kollektiv nutzen kann ist für mich unglaublich kraftvoll! Ich war in Pakistan, in Indien und in Lateinamerika unterwegs, habe dort Familien- und Dorfgemeinschaften erlebt, in denen sich die Frauen wirklich unterstützen, gegenseitig Kraft, Halt und Gemeinschaft geben. Wenn ich mir dann unsere Gesellschaft anschaue, in der jeder in seinem Einfamilienhaus so vor sich hin brodelt und Firmen, in denen die Menschen gegeneinander ausgespielt werden, wo Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck herrscht, dann glaube ich, dass wir von diesen Gemeinschaften viel lernen können.

Andrea: Ich höre mir Deine Erfahrungen an und betrachte gleichzeitig die Idee, dass wir über Quote mehr Frauen in die Unternehmen bringen müssen. Ich frage mich, ob dieser Ansatz richtig sein kann. Brauchen wir mehr (Quoten-)Frauen in den Unternehmen?

Maria: Ja, wir brauchen Frauen in Unternehmen, ganz, ganz dringend und vor allem in der Führungsebene, aber wir brauchen nicht die Frauen, die in ihre männliche Energie gegangen sind, die dieses männliche „machen, machen, machen“ haben. Wir benötigen in den Unternehmen die weibliche Energie – Weichheit, Wissen, Gelassenheit, das sollten Führungsfrauen einbringen.

Andrea: Und dafür müssten Unternehmen erst den richtigen Rahmen schaffen oder müssen die Frauen sich diesen Rahmen selbst schaffen?

Maria: Ich glaube, es ist eine Mischung aus beiden. Wir sollten uns diesen Rahmen schon selber schaffen, aber mit Unterstützung der Männer, also über Aufklärungsarbeit und vor allem mit Feingefühl. Es ist schön zu beobachten, dass immer mehr Männer sich einer gewissen Weichheit annähern und die Qualitäten der Frauen anerkennen. Denn letztlich können wir unseren Männern keinen Vorwurf machen, sie tragen einfach das weiter, was seit Generationen gelebt wird, sie kennen es nicht anders. Viele Männer definieren sich ausschließlich über den Wert männlicher Macht und deswegen muss für sie der Umkehrschluss lauten – wenn eine Frau an die Macht kommt, bin ich weniger wert. Ich glaube, hier darf das Wertesystem unserer Gesellschaft mal kräftig gerüttelt und erschüttert werden.

Andrea: Wir dürfen das Wertesystem der Gesellschaft erschüttern, das finde ich schön. Du hast mir eben im Vorgespräch erzählt, dein Partner habe gesagt, dass er unsere Welt verkehrt fände, dass eigentlich Frauen führen sollten, weil sie eh die intelligenteren Wesen sind. Was würde dann passieren?

Maria: Tja, wie würde eine Welt aussehen, wenn wirklich die Frauen an der Macht wären? Ich glaube, bunter. Wir würden aufhören, den anderen Rollen zuzuschreiben, Frauen dürften auch mal männliche Energie in sich tragen, auch erschaffen und auch mal einfach abarbeiten. Männer dürften kreativ sein, fühlen, sich offener einbringen.

Andrea: Oder, nochmal anders gefragt – gäbe es dann gar keine Macht mehr, ist die Formulierung „Frauen an die Macht“ schon falsch, weil Macht eine typisch männliche Energie ist?

Maria: Für mich kommt es auch da wieder auf das „wie“ an. Macht ist nichts Schlechtes, wenn wir es schaffen, sie mit mehr weiblicher Energie auszustatten, dann ist sie vielleicht nur noch ein Wort, das weniger Bedeutung hat.

Andrea: Es gibt in der gewaltfreien Kommunikation die Unterscheidung „Macht über…“ oder „Macht mit…“, was für mich die den Raum zwischen „Herrschen“ und „Führen“, zwischen Dominanz und Co-Kreation aufzeigt. Meinem Empfinden nach möchten Frauen eher in Führungspositionen, um diese führende, co-kreative Macht zu nutzen, die alle zusammen vorwärts bringt, im Sinne vielleicht auch eines Higher Purpose. Du selbst formulierst auf Deiner Webseite auch einen Higher Purpose. Glaubst du, dass ein Purpose, ein höheres Ziel, etwas ist, was Frauen in die Stärke bringt?

Maria: Ich glaube schon. Wenn ich mir meiner Weisheit bewusst bin und um meinen höheren Nutzen weiß, wenn ich die Fragen „Warum bin ich hier?“, „Was darf ich hier geben?“ für mich beantworten kann, dann bin ich mit mir verbunden. Und diese Verbundenheit ist genau das, was uns in die Stärke bringt.

Andrea: Für mich war und ist Yoga auch ein probates Mittel, um diese Verbundenheit, diese Verbindung, herzustellen.

Maria: Es gibt ganz viele Ebenen, auf denen wir uns erfahren dürfen, das kann Yoga sein. Für jemand anderen kann es aber auch Tanz sein, nach Heavy Metal-Musik den Kopf zu schütteln, einfach mit sich selbst zu tanzen, ins Gefühl zu gehen. Selbsterfahrung kann aber auch sein, regelmäßig Tagebuch zu führen. Aber, ja, Yoga ist eine Methode, um sich kennenzulernen, sich besser wahrzunehmen, seine Grenzen zu erfahren und gut auf sich und seine Bedürfnisse zu hören.

Andrea: Dich hat Yoga durch eine Phase im Leben begleitet, in der Du gemerkt hast: Was ich lebe, tut mir nicht gut. Wie war dieser Erfahrungsweg?

Maria: Ich habe damals studiert und gleichzeitig gearbeitet, hatte gefühlt eine 80- bis 100-Stunden-Woche, war am Wochenende verfügbar, bin ans Telefon gegangen, wenn ein Lieferant wegen der Zeitverschiebung nachts angerufen hat. Das war für mich völlig normal und auch die Zeichen meines Körpers – Lebensmittelunverträglichkeiten, Darmbeschwerden, Entzündungen und schlechte Wundheilung – die hatte ich schon so lange, dass ich sie als normal empfunden habe. Es gibt ja in unserer westlichen Welt immer irgendein Mittel, das wir in unseren Körper reingeben, damit die Symptome weg sind. Das habe ich auch ganz viele Jahre so gemacht. Aber ist es wirklich unsere Lösung, einfach nur die Symptome zu beheben? Irgendwann habe ich gemerkt – mein Körper will mir etwas zeigen. Ich lag mit einer Nierenbeckenentzündung im Krankenhaus, hatte eigentlich vorher schon beschlossen, meinen Job zu kündigen, wusste aber noch nicht so recht weiter. Da hat mein Körper wohl gemeint, er müsse noch eins draufsetzen, um eine Entscheidung endgültig zu machen.

Andrea: Wie alt warst du da?

Maria: Das war 2018, da war ich 27 und habe gemerkt, dass ein einfacher Jobwechsel nichts nützen würde – ich musste einen klaren Cut machen, musste für mich aber auch und vor allem die Frage klären: Laufe ich vor etwas davon oder brauche ich wirklich Abstand? Und das dürfen wir uns alle ganz oft fragen in unserem Leben, wenn wir etwas beenden oder das Gefühl haben, wir müssten irgendetwas sein lassen: Laufe ich nur weg vor etwas, das mir mein Leben immer wieder zeigt? Bei mir war es damals wirklich der Perspektivwechsel, den ich brauchte – ich musste mit Abstand auf mich selbst blicken können, auf diese Gesellschaft und auch auf mein Familienkonstrukt, um für mich etwas Neues zu kreieren. Zuvor hatte ich bereits meinen Partner kennengelernt, das war 2017. Er hat sich damals auch mit der Sinnfrage beschäftigt und keine Erfüllung in seinem beruflichen Tun gespürt. Wir haben unsere Jobs und unsere Wohnungen gekündigt und uns auf eine große Reise begeben, die uns auf dem Landweg über die Mongolei, China und Pakistan bis nach Indien geführt hat, wo ich dann auch meine Yogaausbildung absolviert habe.

Andrea: Womit wir bei Deinem Yogaweg wären, der ja auch Teil meiner Frage war.

Maria: Ja, genau. Meine erste Ausbildung, Ashtanga-Yoga, zeigt auch, wo ich damals stand. Ashtanga ist ein sehr dynamischer, kraftvoller Stil, der sehr von männlicher Energie und Leistungsanspruch geprägt ist. Inzwischen agiere ich auch hier zyklisch, manchmal dynamisch, manchmal brauche ich das Gegenteil und ich unterrichte auch so. Jeder Mensch hat und benötigt einen andern Yogastil, hier sollte man sich einfach mal durchprobieren, unterschiedliche Yogalehrer besuchen. Es lohnt sich, denn es gibt einem ganz viel Stärke, wenn man sich wirklich mit dem Körper beschäftigt, ins Fühlen kommt, sich mit dem Atem verbindet, um über ihn die Verbindung des Außen mit dem Innen einzugehen.

Andrea: Du hast gerade etwas gesagt, was ich sehr wichtig fand. Du sprachst davon, dass Du aus dem Job aussteigen wolltest und Dein Körper durch eine schwere Krankheit signalisiert hat, dass ein Jobwechsel allein nicht reichen wird. Weil die Probleme nicht im Außen, im Job, entstehen, sondern bei Dir selbst. Das Entscheidende daran ist für mich, dass ich das Außen so und so oft ändern kann, solange ich nicht merke, was den Stress eigentlich verursacht, nämlich ich selbst mit meinen Mustern, Ängsten und Erwartungen. Das ist ja auch in Partnerschaften so, oder?

Maria: Ja, und ich gebe dir recht, weglaufen bringt´s nicht, man darf das auch mal aushalten. Ich meine ausdrücklich nicht, das jemand bleiben soll, der oder die in einer Beziehung wirklich leidet, um dieses Aushalten geht es nicht. Aber Reibung, die darf man schon mal aushalten, auch ein bisschen länger, denn Reibung ist im Endeffekt Entwicklung – es entsteht Neues und man darf sich einfach mal fragen, ob diese Themen, die da dauernd hochkommen und die Reibung erzeugen, ob die in meinem Leben vielleicht schon mal vorgekommen sind. Ist da ein Wiedererkennen? Vielleicht kenne ich das Thema auch von den Eltern? Und vielleicht, ganz vielleicht, darf ich da einfach mal ein bisschen genauer hinschauen und erkennen, was es mit mir zu tun hat, anstatt davor jetzt schon wieder davonzulaufen. Das ist ja letztlich auch Stärke und vielleicht finden wir hier auch nochmal den Rückschluss zur Selbstliebe, nämlich über die Akzeptanz dessen, was ist.

Andrea: Stärke finden wir über Selbstliebe und die Akzeptanz dessen, was ist. Das finde ich ein schönes Schlusswort. Ich nehme aus unserem Gespräch mit, dass die Rückbesinnung auf und die Integration von zyklischem Wissen elementar ist, um uns als Frauen in unsere Stärke zu bringen und dass die Integration dieses Wissens auch die Arbeitswelt verändern wird. Ich danke Dir, liebe Maria, für diese Erkenntnis und für unser Gespräch.

Kontakt:

Maria Schleicher
www.namaju.com
hello@namaju.com