Was ist eigentlich integral?

2019-04-04T17:12:12+02:004. April 2019|

„Jede/r hat recht, aber nur teilweise.“ Das ist für mich der zentrale Satz von Ken Wilber, dem Begründer der integralen Weltsicht. In dieser Aussage steckt viel. Unter anderem eine Botschaft für dein Selbstbild und ein Verhaltenskodex für deinen Umgang mit anderen.

  1. Lass dir nicht einreden, dass du unrecht hast. Das kann gar nicht sein, denn deine Sicht auf die Dinge ist genauso richtig oder falsch wie die jedes anderen. (Wenn, so möchte ich hinzufügen, es eine EIGENE durch Information und Nachdenken erworbene Sicht ist. Wir reden hier nicht von Nachplappern, Mitlaufen, Mitbrüllen oder „hab-ich-irgendwo-gelesen“)
  2. Rede auch keinem anderen ein, dass er oder sie unrecht hat. Hör erst mal zu, was dein Gegenüber zu sagen hat und versuche zu verstehen, bevor du verurteilst.

Was ist jetzt daran integral?

Ken Wilber hat sich über Jahrzehnte die Mühe gemacht, verschiedenste Perspektiven, Weltsichten, Religionen, … zusammenzuführen und zum Kern zu gelangen. Er sagt: Jede Theorie, Meinung oder Haltung (auch die integrale) trägt etwas bei, übersieht etwas anderes. Jede. Immer. Das Integrale versucht mit Hilfe der integralen Metalandkarte (dem zugegeben recht komplexen AQAL-Modell – gut erklärt hier: www.rolflutterbeck.de/was-heiszt-integral–aqal–.html) die für die heutige Zeit umfassendste Form der Perspektiveinnahme zu verwirklichen.

Was wir daraus lernen können: Wenn jede Perspektive unvollständig ist, sein muss, dann ist es sinnvoll, möglichst viele Perspektiven zusammenzubringen, wenn man eine Entscheidung treffen, eine Idee finden oder ein Unternehmen führen will. Co-Creation ist ein integraler Ansatz.

Würden wir also beim Texten oder in der Organisationsentwicklung integral arbeiten, dann würden wir versuchen, möglichst viele Aspekte und Perspektiven in unsere Arbeit einzubeziehen. Beim Texten könnte man Brain-Writing einsetzen, in der Organisationsentwicklung sind wir bei Soziokratie, Holokratie oder beim Ansatz von Frederic Laloux.

Für mich ist der integrale Ansatz eine Einladung, den Blickpunkt zu wechseln, mal zu schauen, wie ich mich in der Haltung oder der Meinung meines Gegenübers fühle. Aha, so ist das also. Kürzlich habe ich meine Leidenschaft für Rollenspiele im Coaching (wieder-)entdeckt. Macht es mal, taucht in eine andere Person und ihr werdet feststellen, dass sich der oder die andere ganz anders fühlt und deswegen auch ganz anders entscheiden und handeln muss.

Was mir daran gefällt: Mit diesem Perspektivwechsel wächst die Kompetenz im Umgang mit sich selbst und anderen. Wenn ich akzeptiere, dass mein Gegenüber genauso recht oder unrecht hat wie ich, dann höre ich auf zu be- oder zu verurteilen und kann anfangen, zusammenzuarbeiten. Und schlussendlich kann ich lernen, mich selbst nicht so arg wichtig zu nehmen. Das ist immer gut und macht glücklich. 🙂

Alles ist integral?

Von den „New Workern“ Frederic Laloux und Markus Väth, über Coaching, Ernährung, Medizin, Spiritualität oder Psychologie – all dies gibt es auch in „integral“.

Mathematik auch – aber Integralrechnung ist hier nicht das Thema. Wobei – warum nicht, nehmen wir mal dieses Beispiel. Ähnlich wie bei der Integralrechnung, die wir alle aus der Schule kennen (…sollten, räusper) geht es auch im integralen Weltbild um das Integrieren. Hier um das Integrieren möglichst vieler Perspektiven, Sichtweisen, Religionen, Aspekte, Meinungen, Menschen, Weltbilder, Therapieansätze … Ziel: Ein Bewusstsein für die umfassenden, ganzheitlichen Aspekte unserer Welt und unserer Handlungen zu schaffen.

Ich halte diese ganzheitliche Sichtweise für sehr wichtig, gerade im (Text-)Coaching. Sie ermöglicht es uns, eine ganzheitliche Sichtweise auf Problemlösungen einzunehmen und macht uns kreativer. Deshalb habe ich, um noch besser mit meinen Klienten arbeiten zu können, letztes Jahr den Systemisch-Integralen Practitioner bei SKillCare absolviert.

Noch nicht genug?

Um es zusammenzufassen und dabei das Integrale Forum ausschnittweise zu zitieren: (https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/theorie-grundlagen/2822-der-integrale-ansatz) :

Der Integrale Ansatz schaut auf jede gegebene Problemstellung und versucht, all die wichtigen Variablen zu identifizieren, die zu dem Problem beitragen. Der Integrale Ansatz kommt auf diese Art zu Lösungen, welche all diese wichtigen Faktoren anerkennen und aufnehmen, ohne irgendeinen von ihnen auszuschließen oder zu verneinen – weil sie alle eindeutig Einfluss auf die gegenwärtige Situation und die daraus resultierenden Probleme haben, und alles was hinter einem wahrhaft Integralen Ansatz zurückbleibt, kann tatsächlich die Dinge eher noch verschlimmern, anstatt sie zu verbessern.