Schreiben verbindet – mit dem Ich. Mit dem Du. Im Schreiben liegt ein besonderer Zauber, den das Reden nicht abbilden kann – so bedeutsam das gesprochene Wort auch ist. Im Kontakt mit Blatt und Stift bin ich zunächst ganz bei mir, muss mich nur auf mich als Gegenüber einstellen, darf mir lauschen, mich in meine innere Welt hineinentspannen. Free-writing heißt es im Englischen und diese Art des intuitiven Selbstausdrucks lässt sich mit „freies Schreiben“ nur unzulänglich übersetzen. Free-writing ist auch befreiendes Schreiben und zugleich ein Appell, eine Einladung: Befreie dein Schreiben!
Befreie es von all dem, was du über dein Schreiben gelernt hast – in der Schule, zum Beispiel. Eine Bekannte zeigte mir eine fantastische Übung, die sie mit sogenannten lernschwachen Kindern macht. Wenn da so ein Stepke kommt, mit einer Klassenarbeit voller roter Durch- und Unterstreichungen, dann legt sie das Blatt auf den Kopierer, um das Rot zu tilgen. Und dann setzen die beiden sich hin und markieren ALLES mit grün, was RICHTIG ist. (Wenn du noch alte Schulhefte hast – probiere es mal aus?)
Ist das nicht toll? Ein gemeinsamer Perspektivwechsel, der das Schreiben von jedem Anspruch befreit. Gleichzeitig, so präzisierte es kürzlich eine Kollegin, befreit das Schreiben meinen Selbstausdruck auch von allem Gewäsch. Wo wir im Sprechen schnell aus dem Raum unserer Muster und Gewohnheiten re-agieren (weil wir gelernt haben, dass Schnellsprecher klug und kompetent sind – siehe hier ) sind wir im Schreiben selektiver. Vielleicht aus Faulheit, wie meine Kollegin vermutete – aufs Papier kommt nur das, was sich lohnt. Nicht weil es wichtig ist oder richtig oder künstlerisch wertvoll – sondern weil es „Ich“ ist, in allen Facetten, in aller Verletzlichkeit und Besonderheit.
Und jetzt wird es kritisch. Kann ich mich mit dieser Verletzlichkeit, mit dieser Ich-haftigkeit auch anderen zeigen? Im Reden vermeiden wir es oft – Schlagfertigkeit ist hier gefragt, schon dieses Wort veranschaulicht, worum es geht. Im verbindenden Schreiben ist das Teilen der Texte im sicheren Kreis etwas sehr Besonderes. Über das Vorlesen unserer Texte begegnen wir einander – ein Wir-Raum entsteht, in dem das Numinose zwischen den Worten lebendig wird. Aus einem Schreibimpuls entstehen sechs, acht oder zwölf sehr verschiedene Texte und wir lauschen ihnen andächtig, weil wir Anteil haben, schließlich hat derselbe Impuls auch uns inspiriert. Übrigens glaube ich, dass vielen Menschen das Zuhören deutlich leichter fällt, wenn sie etwas vorgelesen bekommen – falls sie in der Kindheit positive Vorlese-Erlebnisse hatten. Ich stelle mir vor, dass der Vorlese-Modus andere Gehirnareale aktiviert als der Zuhör-Modus im Gespräch. Wir wissen, dass wir nicht re-agieren müssen, nicht antworten müssen, nicht Stellung beziehen, nicht urteilen – und all dieses Nicht-Müssen macht uns empfänglich für die zarten und tatsächlichen Worte des Gegenüber – wir hören, was wirklich gesagt wird, nicht, was wir hören wollen oder was wir glauben zu hören. So liegt im verbindenden Schreiben eine Reduktion auf das Wesentliche, die auch in gemeinschaftlichen Findungs- oder Lösungsprozessen oder im Teambuildung unglaublich bereichernd ist.
Schreiben verbindet – aus Ich und Du wird Wir. „Ich bin ich. Du bist du. Und ich sehe dich“ – dieses Zitat aus meinen Gesprächen über starke(?) Frauen verwende ich oft, als treue Leserin oder Leser meines Newsletters kennst du es vielleicht schon. Es ist die Essenz der Begegnung über das Schreiben – ich sehe dich. Deine Verletzlichkeit. Ich feiere deine Sichtbarkeit, deinen Mut und ich revanchiere mich für das Geschenk deines Textes, indem ich dir mitteile, was er in mir ausgelöst hat. Hier schließt sich der Kreis der fünf Ebenen des Schreibens: Im Feedback darfst du dich im Spiegel meiner Wahrnehmung entdecken – vielleicht neu entdecken. Ich spiegele Aspekte deines Textes aus meiner Warte und du siehst deine Wahrheit durch meine Augen – siehst dich in meinen Augen. Nicht im Urteil, sondern im Mitgefühl, nicht in einer Antwort – einer Entgegnung – sondern in einer Ergänzung, Erweiterung. Statt Enge entsteht Offenheit. Und Verbundenheit.
Schreiben verbindet – das ist meine Arbeitshypothese für das Jahr 2026 und ich möchte auf diesem Feld des verbindenden Schreibens sehr viel forschen und ausprobieren und – natürlich – schreiben. Ich möchte Räume öffnen, in denen Begegnung möglich wird – ein Anfang ist gemacht mit dem Schreibretreat 2027 auf Mallorca.