Das hatte ich mir anders vorgestellt

2019-01-16T17:06:11+00:0016. Januar 2019|

Ich habe einen neuen Lieblingssatz und möchte ihn gerne mit euch teilen. Der Satz lautet „Das hatte ich mir anders vorgestellt“.

Ok, und was ist daran jetzt so toll?

Toll ist, dass ich diesen Satz immer aussprechen kann, wenn ich beginne, mich zu ärgern, weil eine Situation oder ein Mensch meine Erwartungen nicht erfüllt: Rote statt grüner Welle während ich es eh schon eilig habe, 35 Minuten Umweg, um im Biomarkt Grünkohl zu kaufen, der dann „aus“ ist? Die Heizung fällt Heiligabend aus, das „kuschelige“ Ferienhaus liegt an der Autobahn? Der Kollege liefert eine Vorlage, die wir „grottig“ finden, die Partnerin hat Butterbrote gemacht, dabei hatten wir uns auf Braten gefreut?

Ihr kennt solche Situationen, wir werden täglich x-fach damit konfrontiert. Und sie führen bei uns normalerweise zu Reaktionen von Irritation über Ärger bis zu blanker Panik. Und was passiert mit uns, wenn wir ärgerlich oder in Panik sind? Wir schalten auf Autopilot und der Autopilot startet sein Programm: Er sucht einen Schuldigen. Damit ist ein Konflikt vorprogrammiert, z.B. der Kategorie – Hättest Du nicht…, Wenn du nicht immer…, Warum immer ich … – ihr kennt das.

Mein Lieblingssatz wirkt als Puffer – ich kann ihn einschieben, bevor ich mich dem Ärger, der Panik und der Suche nach einem oder einer Schuldigen ergebe. Bevor ich anfange, den Verkäufer, Kellner, die Kollegin oder den Gatten anzufahren. „Das hatte ich mir anders vorgestellt“ zieht einen Stöpsel und lässt die Luft ab. Denn es tut gut, sich einzugestehen, dass hinter all diesen automatisch ablaufenden negativen Emotionen vor allem eines steht – unsere eigene Erwartung daran, wie etwas zu sein hat. Und damit verbunden unsere Unfähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen.

Erwartungen sind vorprogrammierte Enttäuschungen

Erwartungen sind Gedankenmodelle, die du der Zukunft überstülpst und die eine Enttäuschung vorprogrammieren.

Erwartungen sind eine Vorausschau, eine Annahme, eine Hoffnung – eine Zukunftskonstruktion, die wir meistens aus Erfahrungen der Vergangenheit basteln. Erfüllen sie sich, freuen wir uns und vertrauen unserer subjektiven Weltsicht. Werden sie ent-täuscht, geht unsere subjektive Welt kurz unter. Denn die Erwartung war eine Täuschung! Wir konnten gar nicht wissen, was passieren wird – wir hatten trotz aller Erfahrung maximal eine 50/50-Chance.

Erwartungen sind die im privaten und beruflichen festbetonierten Wege, die man aus Gewohnheit nicht verlässt. Erwartungen machen unflexibel – „Hammerimmerschonsogemacht“, der Lieblingssatz der Gewohnheitsliebhaber zeigt es deutlich.

Erwartungsdruck bewusst machen

Ich will damit nicht sagen, dass wir von heute auf morgen aufhören sollten, etwas zu erwarten. Ich glaube, dass das gar nicht möglich ist. Ob wir es Vorfreude, Hoffnung, Ziel oder Plan nennen – wir machen uns Modelle der Zukunft und richten uns nach ihnen. Das ist menschlich und gut so. Was wir allerdings machen können, ist uns bewusst werden, dass unsere Erwartungen nur Modelle sind und wir keinerlei Garantie haben, dass diese Zukunftsvorstellung auch Realität wird. Und genau dazu nutze ich meinen Lieblingssatz.

Wenn ich in einer frustrierenden Situation laut ausspreche „Das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt“, passieren zwei Dinge

  • Ich schaffe einen „achtsamen Moment“, der es mir möglich macht zu erkennen, dass ich gerade meinem Erwartungs-Automatismus aufgesessen bin.
  • Ich mache den Weg frei für die Möglichkeit, die Situation aktiv zu gestalten und nicht passiv zu erleiden. Dann geschieht Wachstum.

Was außerdem passiert: Immer öfter fange ich an zu lachen oder zu griemeln, vor allem seitdem mein Mann den Satz auch übernommen hat. Letztens ist uns eine sehr schöne Vase heruntergefallen und normalerweise hätten wir uns – je nach Tagesstimmung – fürchterlich geärgert oder ich wäre in Tränen ausgebrochen oder in wilde Beschimpfungen. In dieser Situation haben wir beide gleichzeitig gesagt: „Huch, das hatte ich mir jetzt anders vorgestellt.“ Und mussten darüber lachen. Und Lachen – ihr wisst das – ist ein Autopilot-Killer. Lachen erweitert sofort den Handlungsspielraum, so dass wir die Scherben gemeinsam wegkehren konnten und festgestellt haben: Prima, jetzt haben wir mehr Platz im Schrank.

PS: Nicht falsch verstehen, mit „Erwartungen“ sind in diesem Beitrag nicht Absprachen gemeint. Vereinbarungen, Absprachen oder Verträge sind Verpflichtungen, die zwei oder mehrere Beteiligte verbindlich eingegangen sind. Hier darf ich nicht nur erwarten, dass diese Grundlage des Miteinander eingehalten wird, ich muss es sogar, um handlungsfähig zu bleiben.